Politik : Der frühere Vietnamese und Boots-Flüchtling Thomas Nguyen hat sich in Hamburg integriert

Astrid Prange

Seinen jetzigen Namen verdankt er einem der zwölf Apostel. Der gebürtige Vietnamese Nguyen Hun Huan ist seit 1985 deutscher Staatsbürger und hört seitdem auf den Vornamen Thomas. "Bei der Einbürgerung musste ich einen deutschen Vornamen angeben", sagt der ehemalige Flüchtling. "Da habe ich mich an meinen christlichen Namen Thomas erinnert."

Den Katholiken Thomas verschlug es in Deutschland ins protestantisch geprägte Hamburg. Hinge der 51-jährige nicht dem christlichen Glauben an, würde er die Hansestadt als den Ort seiner Wiedergeburt bezeichnen - so radikal hat sich sein Leben seit der Flucht aus Saigon verändert.

Thomas Nguyen gehörte zu den knapp 10 000 Flüchtlingen, die von Cap Anamur aus dem südchinesischen Meer gerettet wurden. Er hielt zusammen mit seinem jüngeren Bruder und 44 weiteren Flüchtlingen vier Tage und vier Nächte lang durch, bevor er von der Besatzung der Cap Anamur aus dem Wasser gefischt wurde.

Als der ehemalige Pilot der südvietnamesischen Luftwaffe im Juni 1980 zum ersten Mal den Hamburger Hafen erblickte, verwandelte er sich schleichend vom Flugkapitän zum Seebären. Elbbrise, Schifffahrt und Container prägen seitdem seinen Alltag. Zehn Jahre lang wickelt er bereits den Export ins östliche Mittelmeer für ein traditionelles Hamburger Schifffahrtskontor ab. Seine Englischkenntnissse, die er in den 60er Jahren bei der Ausbildung zum Piloten in den Vereinigten Staaten erwarb, kommen ihm dabei zugute.

Eine Weile fuhr Thomas Nguyen selbst zur See. "Nach drei Monaten im Hamburger Ausländerheim in Moorfleet habe ich Rupert Neudeck kennengelernt. Er hat mich gefragt, ob ich noch einmal mitfahre, um weitere Flüchtlinge zu retten", erzählt Nguyen. So pendelte er vier Jahre lang zwischen Hamburg und der Küste Vietnams hin und her, bis er schließlich auf einer der Fahrten seine Frau kennenlernte.

Die Familie des ehemaligen Flüchtlings hat sich in Deutschland integriert. Nguyens jüngerer Bruder studierte Medizin und arbeitet mittlerweile als Laborarzt. Seine vietnamesische Frau arbeitet als Apothekerin. "Viele der Flüchtlinge waren in ihrer Heimat hohe Offiziere, Beamte des alten südvietnamesischen Regimes oder Geschäftsleute mit internationalen Kontakten", erklärt Rupert Neudeck. "In Deutschland mussten sie häufig eine unbefriedigende Arbeit annehmen, da ihre Zeugnisse hier nicht anerkannt wurden", beschreibt er die anfängliche Situation der Flüchtlinge.

Thomas Nguyen möchte auch als Tourist mit deutschem Pass nicht mehr zurück an den Roten Fluss. Seine Familie ist inzwischen auf drei Kontinente - Europa, Australien, Amerika - verteilt. Die meisten Freunde wohnen in Deutschland. "Mit meiner alten Heimat verbinde ich nur schlechte Erinnerungen an Kriegsgefangenenschaft oder Zwangsarbeit", sagt der vierfache Familienvater. "Jetzt sind wir alle Deutsche."

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