Politik : Der Gefangenenchor

Auch 65 Jahre nach Kriegsende singen die Veteraninnen von Smolensk die Klagelieder der deutschen Besatzung

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Ein Birkenblatt fällt sacht wie Rauch vom Baume welk und müd./Zur Rast spielt die Harmonika das Herbsttraumwalzerlied./Die Bässe klagen durch den Tann ...“

„Stopp“, sagt Chorleiterin Nadeschda Agejenkowa. „Das muss deutlicher kommen. Das Klagen der Bässe in unseren Wäldern. Im Herbst 41, als wir immer weiter zurückweichen. Und dann den Jubel. Im fremden Wald. Ihrem Wald. Irgendwo an der Oder, im April 45, als der Sieg schon zum Greifen nah ist. Uuund bitte!“

Andere Chorleiter hätten jetzt mehr Gefühl gefordert. Mehr Identifikation mit Musik und Text. Agejenkowa würde sich eher die Zunge abbeißen. Denn die Frauen, die vor ihr stehen, haben die Last des Krieges, von dem das Lied handelt, auf den eigenen Schultern getragen. Als Frontaufklärerinnen und Scharfschützinnen, als Partisaninnen und Bewohnerinnen von Smolensk. Die Stadt liegt im äußersten Westens Russlands und war daher am längsten unter deutscher Besatzung. Zwei Jahre, zwei Monate und neun Tage.

„Kampfgefährtinnen“ nennt sich der Veteraninnen-Chor, der jeden Montag um 15:00 Uhr im Smolensker „Haus der Offiziere“ probt. In historischer, dunkelgrüner Parade-Uniform, die Brust mit Orden geschmückt, stehen sie da. Kerzengerade, trotz chronischer Schmerzen, an denen die meisten inzwischen leiden. Die Jüngste ist 80, die Älteste fast 92: Soja Schwedowa. Wie alle älteren Russinnen lässt sie sich mit Vor- und Vatersnamen ansprechen: Soja Dmitrijewna. Zu den Proben kommt sie immer seltener. Die Stimme, sagt sie, mache nun doch nicht mehr mit.

Geschäftig wuselt sie hin und her zwischen Herd und gedecktem Tisch, der zur Hälfte von Zeitungen bedeckt ist. Frischen, mit Meldungen von den Terroranschlägen in der Moskauer Metro am Vortag. Soja Dmitrijewna ist über Außen- und Innenpolitik besser informiert als viele Neunzehnjährige. Das Lesen geht noch ganz gut mit der dicken Brille, mit dem Hören hat sie Probleme. Seit Sommer 1943, als ihr Partisanen-Regiment die Stadt Jelnja zurückerobert und sie mitten im Bombenhagel versucht, einen verwundeten Kameraden zu bergen: „Ihn hab ich im rechten Arm gehalten, mit der linken Hand hab ich mich an einer Birke festgekrallt. Bis direkt vor mir eine Bombe einschlug. Die Explosion hat uns mehrere Meter durch die Luft geworfen.“

Es war der letzte Kampf für Soja Dmitrijewna. Den ersten besteht sie wenige Wochen nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Soja und ihr vierjähriger Sohn sind auf dem Rückweg aus dem Nachbardorf, wo ihre Eltern wohnen. Die ersten Häuser von Korobez, wo sie und ihr Mann als Lehrer arbeiten, sind schon zu sehen. Ein Mann läuft ihr entgegen. Ihr Mann. „Das hat er sonst nie gemacht. Ich glaubte daher, mit seinen Eltern in Weißrussland ist etwas passiert. Und dann sagte er mir, dass Krieg ist.“

Am 18. August wird er eingezogen, schon ein paar Tage später für vermisst erklärt. „35 Jahre habe ich gewartet. Dass es klopft und er vor der Tür steht. Erst mit 57 habe ich noch mal geheiratet. Hier, das ist sein Foto. Von meinem ersten Mann habe ich nicht mal ein Bild.“ Den Sohn bringt sie zurück zu den Eltern, sie selbst schließt sich einem Bataillon der Roten Armee als Sanitäterin an. In Wjasma wird die Einheit durch deutsche Luftlandetruppen angegriffen. „Zwei Offiziere haben sich erschossen, die anderen ließen sich gefangen nehmen. Uns Frauen haben die Deutschen laufen lassen.“

Zu Fuß geht Soja zurück in das Dorf ihrer Eltern. „Überall auf den Feldern“, sagt sie, „lagen Waffen, „deutsche und unsere. Die haben wir aufgesammelt und versteckt. Und in den Wäldern haben wir nach verwundeten Rotarmisten gesucht, sie gepflegt und als Verwandte ausgegeben.“ Wehrmacht und SS, die das Dorf Ende August besetzten, nur einen Starost, einen Dorfältesten, ernennen und in der 25 Kilometer entfernten Kreisstadt Quartier machen, bekommen Wind davon und rüsten sich zu einer Strafexpedition. „Als wir davon erfuhren“, sagt Soja, „wusste ich, dass ich kämpfen werde.“

In der Küche ihrer Eltern gründet sich eine Partisanengruppe. Ihr erstes Gefecht besteht Soja auf der Lichtung hinter der alten Wassermühle an der Ugra. „Wir haben gesiegt. Aber wir hatten viele Tote. Die Deutschen allerdings auch.“ Mehr noch: Die Smolensker Operation, bei der die Rote Armee im Spätsommer 1941 eine neue Verteidigungslinie aufbaut, stoppt Hitlers Blitzkrieg, zwingt seinen Soldaten mörderische Kämpfe mit der Kälte und einen Zweifrontenkrieg auf: im Osten gegen reguläre Truppen, im Westen, in den besetzen Gebieten, mit den Partisanen. Über 9000 deutsche Soldaten ruhen allein auf dem Waldfriedhof, acht Kilometer vor Smolensk, das am 16. Juli 1941 nach schweren Kämpfen fällt.

Bomben und Granaten schlagen dicht vor dem Haus von Nina Michailowna Dorogina am Stadtrand ein. Sie ist erst dreizehn, hilft aber schon mit auf dem Verbandsplatz der Roten Armee. „Der Erste, den ich versorgte, war neunzehn. Sein ganzer Körper – außer dem Kopf – steckte in Binden.“

Plötzlich wird es still. Nina läuft nach Hause, wo ihre Mutter die Kampfpause nutzt um die Kuh zu melken „Ihr Euter war so stramm, dass sie vor Schmerz brüllte. Dann fingen wir an, Eierkuchen zu backen.“ Kaum, dass der erste fertig ist, dröhnen Motorräder. Männer mit Helm und rötlichen Haar steigen ab und gehen auf die Küche zu: Finnen und Deutsche. „Die Milch“, sagt Nina Michailowna, „haben sie uns gelassen. Aber die Eierkuchen haben sie verputzt. Einen habe ich erwischt und mit dem bin ich gleich weg. Mit meinem Leben hätte ich den verteidigt.“

Von den einst 130 000 Einwohner sind ganze 25 000 geblieben. Einer der ersten Befehle von Boris Menschagin, einem Anwalt, den die Besatzer zum Bürgermeister machen, verpflichtet die Bevölkerung zu öffentlich nützlichen Arbeiten wie Ausbesserung von Brücken und Straßen. Der zweite schafft den Rubel als Währung ab. Fortan gilt die Reichsmark. Nicht nur im Offizierskasino am Kommandanturplatz – früher Leninplatz – oder in den Bierstuben, wo die Besatzer ab Ende Juli Skat dreschen. Auch in Geschäften und auf Märkten. „Der Kurs“, sagt Pawel Borissow, 23 und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtmuseum, „war einigermaßen gerecht: eins zu zehn.“

Befehl Nummer drei hat eine Volkszählung zum Gegenstand. „In der Spalte Religionszugehörigkeit“, sagt Borissow, „haben fast alle ein Kreuz bei ‚orthodox’ gemacht und dies später bereut. Fortan mussten sie Kirchensteuer zahlen.“ Denn schon im August finden in der Himmelfahrts-Kathedrale wieder Gottesdienste statt. Zuerst evangelisch-lutherische für die Deutschen, ab Oktober für die Einheimischen auch russisch-orthodoxe und sogar Theatervorstellungen, bei denen Stalin – stark geschminkt und im Luzifer-Kostüm – auftrat. „Das“, sagt Borissow, „kam bei den Smolenskern, die bei Nichtteilnahme mit Observierung durch den deutschen Geheimdienst rechnen mussten, genauso schlecht an wie zuvor Possenspiele, mit denen die Kommunisten am gleichen Ort die Popen lächerlich machten.“

Auch eine Zeitung geben die Besatzer heraus: „Neuer Weg“. Sie kostet 30 Pfennig, erscheint donnerstags und samstags, die Berichterstattung ist einseitig wie zu Sowjetzeiten, Gut und Böse haben jetzt nur andere Namen. „Eure gegen ihren Willen zur Roten Armee eingezogenen Brüder, Männer und Väter sind der Wehrmacht halb verhungert, demoralisiert und verwahrlost in die Arme gefallen“, heißt es in einer Reportage aus einem Lager für Kriegsgefangene bei Berlin vom 18. Dezember 1941. In der Rubrik „private Kleinanzeigen“ gibt eine Frau Dombrowskaja die Eröffnung einer Damenschneiderei bekannt, ein Herr Utikin sucht dringend Friseurbedarf. „Drei sowjetische Armeen bei Charkow (in der Ukraine) eingekesselt, der Endsieg ist nah“, jubelt das Blatt am 28. Mai 1942. Im Gebiet Smolensk hätten die Bauern „die erste Saat auf freier Scholle“ beendet und jetzt die Hände frei, um „Stalins Banditen an die Gurgel zu gehen“, den Partisanen. Insgesamt über 120 Gruppen mit mehr als 60 000 Kämpfern, die in fast einem Viertel der Region die Sowjetmacht wiederhergestellt haben. Vor allem in abgelegenen Walddörfern.

„Allein unser Regiment“, sagt Soja Dmitrijewna, „hat elf Dörfer befreit. Wir haben die Felder wieder gemeinsam bestellt, die Kinder wieder nach sowjetischen Lehrbüchern unterrichtet und auf dem Dach des neu gewählten Dorfsowjets, der Verwaltung, wehte wieder die rote Fahne. Gesungen haben wir auch. Aber leise.“

Kannten sie die Lieder des Alexandrow-Ensembles der Roten Armee: Musik, von der Soldaten behaupten, sie hätte bei ihnen mehr bewirkt als die hundert Gramm Wodka vor dem Sturmangriff? „Na klar“, sagt Soja Dmitrijewna. „Petka, der Wolf, unser Swjasnoj, unser damals zehnjähriger Verbindungsmann, hat zuerst die Texte aus den freien Gebieten mitgebracht, später sogar ein Radio, mit dem wir den Rundfunk in Moskau hören könnten. Wir haben alle Gänsehaut gekriegt, wenn sie das Lied spielten, das für und über uns geschrieben wurde.“ Soja Dmitrijewna räuspert sich und singt dann mit ihrer brüchigen Greisinnenstimme von den Nebeln über der alten Straße nach Smolensk, wo „Partisanen-Mädchen die ungebetenen Gäste mit Feuer bewirten.“

„Wir hatten das Lied auch im Programm“, sagt Chorleiterin Agejenkowa und rückt ihre Sängerinnen für das Foto so zurecht, dass dabei das herauskommt, was für sie ein „schönes Bild“ ist. „Zu Anfang hatte der Chor noch sechzig Sängerinnen, die in drei Reihen auf der Bühne standen. Inzwischen sind wir so wenige, dass wir nicht mehr dreistimmig singen können. Und dieses Lied geht den meisten auch viel zu nahe.“

„Die Faschisten haben meinen Vater erschossen, als ich noch nicht einmal zwölf war“, sagt Valentina Agapowa. „Wir wären verhungert, hätten die Partisanen Mutter und uns sechs Kinder nicht in die befreiten Gebiete gebracht. Da war ein Mädchen, so alt wie ich, nur sie hat überlebt und ihr Vater, der gerade die Kühe in den Wald getrieben hatte. Den Rest der Familie hat die SS erschossen. ‚Du bist jetzt meine Schwester’, hat sie gesagt. Und, dass ich meine Mutti fragen soll, ob sie ihren Papa heiraten möchte.“

Im Dezember 1942 sei das gewesen, sagt Valentina. Im besetzten Smolensk, im Filmtheater „Lutsch“ (Lichtstrahl) läuft „Weißer Flieder“ – ein deutscher Film mit russischen Untertiteln. Die Stadtverwaltung kauft Schmuck für die Sonnenwend-Tanne, der „Neue Weg“ berichtet von „erbittertem Widerstand deutscher und rumänischer Truppen im Wolga-Don-Gebiet gegen starke Panzerverbände des Feindes“. die Rote Armee geht bei Stalingrad zum Gegenangriff über.

Endlich, denkt Vera Kusmatschowa, die gerade lernt, mit Gewehr und Pistole umzugehen, Angriff, Eingraben und Tarnen übt. In Otschakowo bei Moskau, wo die Erste Scharfschützinnen-Brigade aufgestellt wird. Sie besteht nur aus Freiwilligen wie Vera, die im September siebzehn wurde. „Ich bin nicht aus Patriotismus an die Front gegangen“, sagt sie, „sondern, weil all meine Freundinnen sich gemeldet hatten. Außer ihnen hatte ich niemanden mehr.“

Veras Eltern gehören zu den ersten Opfern von Stalins Säuberungen. Mit zehn wird sie Vollwaise, kommt ins Kinderheim. 1944 werden auch in Veras Einheit angebliche „Volksfeinde“ enttarnt, die Kommandeure direkt von der Front weg verhaftet.

„Unsere Kommandeurinnen“, verbessert Vera. „Unsere Einheit bestand nur aus Frauen. Aus dem Krieg sind wir daher alle als Mädchen zurückgekommen.“ Das erste Mal „Liebe gemacht“, sagt sie und lächelt verlegen, habe sie mit 23. Mit ihrem künftigen Ehemann. In Smolensk, bei dessen Befreiung am 25. September 1943 Veras Einheit in vorderster Front gekämpft hat.

Kurz zuvor – am 12. September – erscheint der „Neue Weg“ zum letzten Mal. Jemand verkauft „eine gepflegte, funktionstüchtige Prothese für das rechte Bein“, viele suchen ihre Angehörigen. Bürgermeister Menschagin erklärt den „totalen Krieg. Wir werden nicht ruhen, bis der Bolschewismus in ganz Russland besiegt ist. Wer jetzt in die Volksarmee von General Wlassow eintritt“ – er kämpft auf Seiten Hitlers und will Smolensk zur Hauptstadt eines russischen Satellitenstaates machen – „erfüllt seine Pflicht für Volk, Führer und Vaterland.“

Die Begeisterung hält sich sehr in Grenzen. Besatzer und Stadtverwaltung rekrutieren daher auf dem Markt, wo die Reichsmark schon nicht mehr genommen wird und Ware gegen Ware getauscht wird, Kanonenfutter und Fremdarbeiterinnen. Als die Wehrmacht am 20. September mit dem Rückzug beginnt, treibt sie auch die vierjährige Serafima Alexejewa und deren Mutter vor sich her. „Zu Fuß sind wir durch Weißrussland und halb Polen marschiert. Dort kamen wir in ein Lager, wo deutsche Bauern sich kräftige, gesunde Frauen als Landarbeiterinnen aussuchten.“

Serafima und ihre Mutter kommen nach Nordwestdeutschland. Den Namen des Dorfes hat sie vergessen. „Seligau oder so ähnlich.“ Deutlich erinnert sie sich dagegen an die dünne Linsensuppe und an „Schwester Elisabeth“, eine vierschrötige Person, die stets Lederhose und Lederjacke trug und Kinder, die für Arbeit zu klein waren, beaufsichtigte, während die Mütter auf den Feldern schufteten.

„Als sie eines Tages von einem Motorrad abgeholt wurde, sagten die Älteren jetzt sei der Krieg wohl zu Ende. Wir sind dann los und haben den Kaufmannsladen geplündert, die Besitzer waren schon geflüchtet. Ich hab mir eine Fünf-Liter-Milchkanne geschnappt, ein paar Galoschen für mich reingelegt und Graupen drübergekippt.“

Die Galoschen sind etwas zu groß und passen ihr erst, als sie das Filtrationslager bei Poznán verlässt, wo die Fremdarbeiterinnen hochnotpeinlich vom sowjetischen Geheimdienst vernommen werden. Die kleine Serafima, die auch befragt wird, hat dabei vor allem um das Spielzeug Angst, das ihre Mutter in Deutschland aus Brotrinde, Draht und Wollresten für sie gebastelt hat. Unter Glas liegt es heute im Museum in Smolensk.

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