Politik : Der Gegenschlag: Die Achse Washington-Islamabad hält nicht mehr

Gabriele Venzky

Ausgerechnet in einem Augenblick, in dem die Achse Washington-Islamabad besonders haltbar sein muss, zeichnen sich zunehmende Meinungsverschiedenheiten zwischen der Bush-Administration und dem pakistanischen Militärherrscher General Pervez Musharraf ab. Grund sind die unterschiedlichen Auffassungen über die künftige Rolle der Nordallianz in Afghanistan. Nach den Bombardements der letzten Tage steht das Anti-Taliban-Bündnis nun vor den wichtigen Städten Herat im Westen und Mazar-i-sharif im Norden, deren Einnahme den Weg nach Kabul öffnet. Dies ist aber nach Ansicht Musharrafs nicht im Interesse Pakistans. Der General gerät damit in die Zwickmühle. Denn er hat sich inzwischen viel mehr hinter die von den USA geführte Anti-Terror-Allianz gestellt, als er ursprünglich vorhatte.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Das zeigte sich am Mittwoch aufs Neue, als den Amerikanern nun auch Flughäfen an der afghanischen Grenze zur Verfügung gestellt wurden, nämlich Jacocabad im Sind und Pasni in Beluchistan. Außerdem kam es zum ersten Gefecht mit dem bisherigen Zögling Pakistans, als Taliban-Kommandos nach guter alter Gepflogenheit in der abgelegenen Nord-West-Provinz über die Grenze wechseln wollten und von pakistanischen Grenzposten daran gehindert wurden. Für pakistanische Verhältnisse ist das ein unerhörter Vorgang an dieser bisher praktisch nicht existierenden Grenze, welche die den gleichen Stämmen zugehörigen und deshalb mit den Taliban sympathisierenden Krieger nicht ohne weiteres hinnehmen werden.

Pakistan verfolgt die neue Entwicklung mit großer Sorge. Bis zum heutigen Tag setzt es sich hartnäckig dafür ein, dass die Taliban auch in einem neuen Machtgefüge in Kabul eine Rolle spielen müssten, weil eine Regierung, in der die ethnischen und religiösen Minderheiten dominieren, sich nicht halten könnte. Außerdem, so warnte Musharraf, werde man, wenn die Nordallianz das jetzige Vakuum füllt, "zu der Anarchie, den Grausamkeiten und den kriminellen Blutbädern zurückkehren", die schon einmal Anfang der neunziger Jahre die Herrschaft dieser Leute gekennzeichnet habe. Auch in Washington ist man nicht glücklich mit der Nordallianz, glaubt aber, keine andere Wahl zu haben. Musharraf fürchtet indes, dass in Kabul kein Pakistan-freundliches Regime installiert wird, sodass das traditionelle Hinterland verlorengeht. Außerdem lebt er unter dem ewigen pakistanischen Albtraum, dass sich die in Pakistan lebenden Pathanen mit den paschtunischen Brüdern (dazu gehören auch die Taliban) zu einem Groß-Paschtunistan zusammenschließen könnten, was wohl das Ende Pakistans wäre.

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