Politik : Der Gegenschlag: Die falschen Partner?

Elke Windisch

Die USA haben der Nordallianz (NA) eine tragende Rolle beim Kampf gegen die Taliban zugedacht. Hoffnungen, die sich als Enttäuschung erweisen könnten - obwohl die Taliban-Gegner inzwischen wieder 20 Prozent des Landes kontrollieren und die Frontlinie gegenwärtig bereits 40 Kilometer nördlich von Kabul verläuft. Experten beziffern den Etat der NA auf jährlich etwa 60 Millionen US-Dollar. Gut die Hälfte davon spülen Förderung und Verkauf von Edelsteinen in die Kriegskasse. 30 Prozent sind Erlöse aus dem Drogenhandel, mit weiteren 20 bis 30 Prozent bezuschussen Moskau und die zentralasiatischen GUS-Republiken den Krieg der Allianz gegen die Taliban. Diese erzielen dagegen allein aus dem Opiumgeschäft, mit dem sie sich zu knapp 50 Prozent finanzieren, einen Jahreserlös von rund 183 Millionen Dollar. Umfangreiche militärische Hilfe aber, wie Russland sie dem ehemaligen Gegner in Aussicht stellte, erschöpft sich bisher in der Preisgabe der Koordinaten von Waffenlagern, die die Sowjets kurz vor ihrem Abzug 1989 anlegten.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Gegenwärtig sind die Taliban der Allianz bei der Bewaffnung aber noch haushoch überlegen. Gleiches gilt für die Personalstärke. Die Nordallianz verfügt momentan über knapp 30 000 Kämpfer, die Taliban nach Erkenntnissen russischer Geheimdienste über rund 67 000. Afghanistan-Kenner gehen außerdem davon aus, dass die Taliban-Kämpfer ihren Gegner auch in Sachen der allgemeinen Motivation um Lichtjahre voraus sind. Dabei führend sind vor allem die Ausländer-Kontigente der Taliban aus der islamischen Oppposition Zentralasiens sowie viele Uiguren aus Westchinas muslimischer Unruheprovinz Xinjiang, die allesamt in ihrer jeweiligen Heimat das Modell des von den Taliban verordneten radikal-islamischen Gottesstaates errichten wollen.

Die von der Allianz mit Getöse angekündigte Offensive zur Einnahme Kabuls wurde inzwischen bis auf weiteres abgeblasen. Der Kampf um das strategisch wichtige Mazar-i-scharif, die Hauptstadt Nordafghanistans, deren Rückeroberung auch große psychologische Bedeutung hätte, tritt auf der Stelle. Allerdings nicht nur aus militärischen, sondern auch aus politisch-taktischen Erwägungen. Schon Ahmed Schah Massud, der militärische Führer der NA, der Mitte September an den Folgen eines Attentats starb, weigerte sich beharrlich, Mazar-i-scharif zurückzuerobern. Seine Warlords, so die Begründung, könnten sich bei der Teilung der Beute in die Haare geraten. Ängste, die berechtigt sind. Die Nordallianz ist ein äußerst heterogenes Bündnis, gebeutelt von Ambitionen seiner Führer, Clanfehden und ethnischen sowie religiösen Konflikten der nördlichen Minderheiten. Bei diesen handelt es sich um Tadschiken, Usbeken und Hazara, sowie jene Paschtunen, die noch unter der Monarchie in den Norden umgesiedelt wurden.

Der neue Nordallianz-Chef aber, Mohammad Fahim Khan, ist nur ein braver Abwehrspezialist und verfügt weder über das militärische Genie seines Vorgängers Massuds, noch über dessen Autorität. Daher bleibt abzuwarten, ob er den Machtgelüsten von Usbeken-General Abdurasschid Dostum Paroli bieten kann. Dostum ist ein Wendehals, der erst auf Seiten der Sowjets kämpfte und nach dem Einmarsch der Taliban sich kurzzeitig den Regierungstruppen von Präsident Burhanuddin Rabbani anschloss. Im Sommer 1998, bei der Entscheidungsschlacht um Mazar-i-scharif, liefen Teile der Dostum-Milizen und die Hazara zu den Taliban über. Dostum selbst emigrierte in die Türkei und später nach Iran. Im September schloss er sich der Allianz erneut an. Eben dies veranlasste den Paschtunenführer Gulbuddin Hekmatyar, bis 1996 afghanischer Premier und gegenwärtig im iranischen Exil lebend, Bündnisverhandlungen mit der Allianz definitiv abzubrechen.

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