Politik : Der Geist der Weihnachtszeit Von Dagmar Rosenfeld

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Es gibt ein Vorweihnachtsbild, das für Schrecken und Vergnügen zugleich steht: Menschen, eingehüllt in teure Mäntel, Wollschals und Mützen, laufen bepackt mit Tüten durch die Einkaufsstraßen. Sie drängen sich dicht an dicht auf Weihnachtsmärkten, um teure Dinge für Familie und Freunde zu kaufen. Und am Heiligen Abend stapeln sich dann unter üppig geschmückten Weihnachtsbäumen Geschenke, verschwenderisch eingepackt in glitzerndknisterndes Papier.

Das ist der Geist der längst vergangenen Weihnacht. Der Geist, an dem sich ganze Generationen von Weltverbesserern störten, den sie Zerrbild einer wertevergessenen und konsumbesessenen Gesellschaft geißelten. Es ist der Geist, dem sie nun, zusammen mit dem Einzelhandel, den Wirtschaftsweisen und der Bundesregierung, wehmütig nachtrauern: Wenn in den kommenden Wochen nicht ordentlich gekauft wird, wenn die Konsumwende doch nicht kommt, dann ist es um die Binnenkonjunktur wieder schlechter bestellt. Das wissen alle. Und deshalb sind die Konsumkritiker ganz leise geworden. Und hoffen, wie alle anderen, darauf, dass die Käufer zurückkommen in die Innenstädte. Und ordentlich einkaufen.

Das erste Adventswochenende sei sehr gut gelaufen, sagt der Einzelhandelsverband HDE. Die Städte und Einkaufszentren seien voll gewesen, und es habe auch ein besseres Geschäft gegeben als im Vorjahr. 70 Milliarden Euro werde die Branche diesmal im Weihnachtsgeschäft umsetzen, eine Milliarde mehr als im Vorjahr, hofft der Verband. Und Rabattschlachten, das hat er den knausrigen Schnäppchenjägern gleich klar gemacht, wird es diesmal nicht geben. Auch wenn viele Händler sich da noch nicht so genau festlegen wollen.

Das klingt schon ganz gut. Zumal es prima zu der letzten Konsumklima-Umfrage vom November passt, wonach die Wende im Konsumverhalten nun wirklich da sei, die Bundesbürger die Nase voll vom Sparen haben. Und endlich mal wieder teure Sachen kaufen wollen. Und weil der Dezember dieses Jahres noch ein paar Arbeits- und Einkaufstage mehr als der des vergangenen Jahres hat, wird es in der Statistik zum Monatsende automatisch bessere Zahlen geben.

Dass der HDE nun schon die Rückkehr der Konsumfreude feiert, ist aber doch ein wenig zu früh. Ein besserer Umsatz heißt noch lange nicht, dass jetzt alles gut wird. Denn die Preise, die die Hersteller bekommen, und die Spannen, die für den Handel übrig bleiben, sind in den vergangenen Jahren gesunken. Die letzten beiden Adventswochenenden könnten auch in diesem Jahr noch dafür sorgen, dass die Schere zwischen Umsatz und Gewinn wieder aufgeht: Wenn es wieder Rabattschlachten wie im Vorjahr gibt, dann profitieren zwar die Kunden ordentlich, die Händler und die Hersteller aber natürlich nicht. Vor diesem Hintergrund ist der Optimismus des Branchenverbandes vor allem eine Botschaft an das eigene Lager: Wie im vergangenen Jahr sagen die Handelsfunktionäre, es sei sehr gut gelaufen am ersten Wochenende – weil die ersten beiden Wochenenden nunmal entscheidend sind, ob sich die Händler gegenseitig unterbieten werden oder nicht.

Wie also wird sie aussehen, die diesjährige Weihnachts- und Adventszeit? Objektiv betrachtet, wahrscheinlich ganz ähnlich wie die des vergangenen Jahres: Es wird immer noch viele Menschen geben, die gar nicht einkaufen gehen, weil sie kein Geld haben, oder weil sie sich um ihren Arbeitsplatz sorgen. Jeder Vierte wird nicht mehr als 100 Euro für Weihnachten ausgeben können. Doch es werden wieder mehr Käufer als im vergangenen Jahr dabei sein, die Geld ausgeben können – und wollen. Vielleicht werden die positiven Prognosen des Einzelhandelsverbandes das dritte und vierte Adventswochenende überstehen. Vielleicht ist die Konsumflaute wirklich vorbei. Sicher aber ist Eines: Nach drei Jahren Rezession im Handel – mit den bekannten Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Firmen und Konjunktur – wird wohl so schnell niemand mehr auf die Idee kommen, sich über zu viel Konsum zu beschweren.

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