Politik : Der Geschickte gegen den Kenntnisreichen

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Berlin Gegen Ende dieses ersten TV-Duells, das für die SPD ein Wendepunkt in ihrem Wahlkampf um das Stammland Nordrhein-Westfalen werden sollte und vor dem sich die CDU insgeheim geängstigt hatte – gegen Ende dieser Fernsehstunde also, wurde Amtsinhaber Peer Steinbrück richtig sauer. Mehrmals warf er seinem CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers vor, die Unwahrheit zu sagen, mehrmals unterbrach er ihn oder ging ihn frontal an: „Sie sind nicht bei den Fakten, Sie sind nicht informiert, Sie wissen nicht Bescheid.“

Souverän wirkte das nicht. Dabei war der Ministerpräsident mit den hohen Beliebtheitswerten als Favorit in das Duell gegangen. Doch schon zu Beginn war dem Amtsinhaber Nervosität anzumerken, was Rüttgers genüsslich auskostete. Überhaupt zeigte sich der Herausforderer in vergleichsweise guter Verfassung. Dem Medium angemessen, erging er sich nicht in Details, sondern beließ es bei Aussagen von allgemeiner Schönheit, etwa dieser: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Der Kapitalismuskritik von SPD-Chef Müntefering erteilte er eine klare Absage, und er stellte Steinbrück vor die Frage, warum Unternehmen in Deutschland investieren sollten, wenn sie pauschal beschimpft würden. Auch passe die Kapitalismusschelte schlecht zu der von Rot-Grün geplanten Senkung der Unternehmenssteuer. Mit einem rechtspopulistischen Schlenker warf Rüttgers der Bundesregierung zudem vor, „möglichst viele Rumänen“ nach Deutschland holen zu wollen.

Steinbrück gab sich redlich Mühe, Rüttgers zu stellen, etwa in der Frage, wo der CDU-Mann denn sparen wolle. „Sie müssen irgendwann aus der Beliebigkeit herauskommen.“ Der Herausforderer wich jedoch weiter aus. So bestritt er, die Mitbestimmung, das Tarifrecht und den Kündigungsschutz schleifen zu wollen. An inhaltlichen Unterschieden wurde immerhin deutlich, dass Rüttgers Studiengebühren einführen und die Kohlebeihilfen bis 2010 halbieren will.

Der CDU-Mann war an diesem Abend vielleicht nicht der Ehrlichere, aber wohl der Geschicktere. Er trat auf wie einer, dem versierte Medienberater eingetrichtert haben, dass Inhalt wenig, aber Wirkung viel bedeutet im Fernsehen. Steinbrück darf dagegen für sich in Anspruch nehmen, einmal mehr der Aufrichtigere und Kenntnisreichere gewesen zu sein. Die Frage ist nur, ob das ausreicht, damit die so genannten Sofa-Genossen am 22. Mai ihr bequemes Plätzchen verlassen und an die Wahlurnen gehen. Anlass zu Hoffnung für die Regierung gibt das als SPD-freundlich geltende Forsa-Institut. Es ermittelte in einer Blitzumfrage, dass 48 Prozent der Befragten Steinbrück als Sieger ausmachten, 24 Prozent Rüttgers und 21 Prozent keinen von beiden. has

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