Politik : Der große Bruder in Ankara hilft nicht mehr

Im Zypern-Konflikt ist die Türkei kompromissbereit – der EU zuliebe

Thomas Seibert[Istanbul]

Noch steht die Mauer auf Zypern. Die so genannte Grüne Linie teilt die Mittelmeerinsel und ihre Hauptstadt Nikosia seit fast 30 Jahren in einen griechischen und einen türkischen Sektor. Doch die Lage im verarmten türkischen Inselteil erinnert inzwischen immer deutlicher an die Endphase der DDR. Die Bevölkerung der „Türkischen Republik Nordzypern" wird unruhig, weil sie endlich besser leben will: 30 000 Menschen demonstrierten dort kürzlich gegen die Politik ihres Anführers Rauf Denktasch – bei nur 200 000 Einwohnern in türkisch Zypern ist das eine riesige Zahl. Zudem mehren sich die Anzeichen dafür, dass Denktasch die traditionelle Unterstützung der Schutzmacht Türkei verliert, ähnlich wie es Erich Honecker seinerzeit mit der Sowjetunion widerfuhr.

Bei allen Parallelen gibt es natürlich erhebliche Unterschiede zwischen der DDR und Denktaschs „Staat", der nur von Ankara anerkannt wird. Der türkische Teil Zyperns ist keine sozialistische Diktatur, und anders als in Deutschland resultiert die Teilung Zyperns aus grausamen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen der Griechen und Türken und der anschließenden türkischen Militärintervention von 1974. Aus dem Bürgerkriegs-Trauma der Inseltürken entsprang die lange Jahre währende Unterstützung für den 78-jährigen Denktasch. Doch inzwischen befürchten viele, ohne baldige Wiedervereinigung die Chance der EU-Mitgliedschaft zu verpassen, denn die griechische Inselrepublik soll im kommenden Jahr in die Europäische Union aufgenommen werden.

Das innenpolitische Rumoren ist nicht der einzige Faktor, der Denktasch unter Druck setzt. Mit dem Regierungswechsel in der Türkei hat eine neue Zypern-Politik begonnen: Die neue türkische Regierung ist anders als ihre Vorgängerinnen nicht bereit, für den Status Quo auf Zypern ihre eigenen Europa-Ambitionen zu opfern. Der Zypern-Konflikt sei nicht Denktaschs Privatangelegenheit, kritisiert der Chef der türkischen Regierungspartei AKP, Recep Tayyip Erdogan.

Da Denktaschs Inselteil ohne die Unterstützung der Türkei nicht lebensfähig ist, könnte der türkische Druck dazu führen, dass der altgediente Politiker über kurz oder lang vor der Wahl zwischen der zähneknirschenden Annahme des UN-Planes und dem Rücktritt steht. Deshalb ist es unsicher geworden, ob seine 1983 ausgerufene „Republik" ihr im November anstehendes 20-jähriges Gründungsjubiläum noch erleben wird.

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