Politik : Der "Große Kurfürst" und andere Preußen (Gastkommentar)

Andreas Nachama

Preußen, Mitte des 17. Jahrhunderts: Die Wirtschaft leidet unter Fachkräftemangel. Zufällig werden aus Österreich die Juden und Protestanten und aus Frankreich die Hugenotten vertrieben. Friedrich Wilhelm, der "Große Kurfürst", denkt nicht über die landsmannschaftliche Geschlossenheit seiner Territorien nach, sondern hat das Wohl der Gemeinschaft im Sinn. Er lädt Juden und Hugenotten, später Böhmen, Holländer, Polen und, in den Worten des "Großen Friedrich", sogar beschnittene Türken ein, den Aufschwung zu bewerkstelligen.

Möchtegern-Preußen wie Schönbohm, Koch und Rüttgers bekommen Magengrimmen beim Gedanken an Green Cards und doppelte Staatsangehörigkeit. Dabei hat die geistig-moralische Wende von 1983 dazu geführt, dass Blue-Colour-Workers aus der Türkei geräuschlos das erledigten, wozu sich ein Heer von Arbeitslosen zu vornehm war.

Zwischenzeitlich versäumte es die Bundesregierung in den Worten von Frau Merkel, "die Weichen auf Grün für EDV-Spezialisten" zu stellen. Sie beschäftigte sich stattdessen damit, abseits der gesetzlichen Regelung Parteispenden einzusammeln. Der Industriestandort Deutschland wurde schlecht geredet, man meinte, andernorts könnten große Profite erwirtschaftet werden.

Derweil erarbeiteten sich junge Leute in Poona und Bombay die Qualifikationen, die sie für das Land fit machen, in dem Freiheit herrscht und Honig fließt. In good old Germany streitet man unterdessen um das rechte Aussehen der Straßen und wie viele Jahrzehnte es dauern würde, bis diese Quartiere wieder deutsch aussehen. Fehlkalkulationen Made in Generalstab! Jetzt kommt ein Saubermann und kocht das Ganze anlässlich seines Wahlkampfes gegen eigene Überzeugung und Wissen hoch. Schließlich war er einmal Zukunftsminister und verantwortlich für die Ausbildung des Nachwuchses. Er begreift Schröders Vorstoß, EDV-Spezialisten auf Zeit in die Bundesrepublik zu holen, als Steilvorlage für eine populistische Abwehr der "Anderen". Ein Schalk, der da an den "Großen Kurfürsten" denkt.

Epilog: Die Bundesrepublik Deutschland braucht alles, nur keine kreativen neuen Anstöße. Denn in den 16 Jahren nach der geistig-moralischen Wende wurde alles so klug und vorausschauend bewerkstelligt.Der Autor ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

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