Politik : Der große Verdruss

Nach dem Protest gegen Le Pen ist Frankreich politikmüde

Sabine Heimgärtner[Paris]

Chronisch unzufrieden? Chronisch politikmüde? Womöglich gänzlich apolitisch? Vor sechs Monaten, nach der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen, als der sozialistische Premierminister Lionel Jospin dem Rechtspopulisten Jean-Marie Le Pen unterlag, hatte sich das französische Volk in einem einmaligen Akt aufgerafft, die Rechtsextremen zu verhindern. Doch jetzt, ein halbes Jahr später, sind die Franzosen in Sachen Politik genauso unzufrieden und nörglerisch wie eh und je.

Buchstäblich eingeschlafen ist die politische Begeisterung der Jugend, die noch im Mai zu Hunderttausenden die Straßen bevölkert hatte, um den totalen Rechtsruck zu verhindern. Vergessen sind die Aufrufe Intellektueller und Engagierter jeder politischen Couleur, die Werte der französischen Republik zu verteidigen. Auf den Frühling 2002, die Demonstrationen auf dem Platz der Republik in Paris, die Fahnen und die Menschenmassen blickt die Nation zurück, als wäre es ein historisches Ereignis wie die Manifeste der 68er Jahre. Ein „Strohfeuer“, bedauern Soziologen und Politologen.

Frankreich – eine unpolitische Nation? Kurz nach dem Wahltriumph Le Pens ließen sich Tausende junger Bürger Mitgliedsformulare der etablierten Parteien zuschicken und gelobten politisches Engagement. Heute würde sich laut Umfragen nur ein Viertel der Bürger politisch engagieren; und auch dieses Viertel nicht in einer Partei, sondern allenfalls in einem Verband oder in einer Gewerkschaft. 66 Prozent geben an, sie hätten kein Vertrauen in die nationalen Politiker. „Für 78 Prozent der Franzosen hat die Wahl im April nichts verändert, sie finden, alles sei beim Alten geblieben“, berichtet einer der Mitarbeiter eines renommierten französischen Meinungsforschungsinstituts.

Zwei von drei Franzosen kritisieren außerdem, dass die politischen Institutionen unter der neuen konservativen Regierung nicht besser funktionierten als vorher unter der linken Regierungskoalition von Lionel Jospin. Noch schlechter schneidet Jospins Rivale und letztlich der Sieger bei den Präsidentschaftswahlen, Staatspräsident Jacques Chirac, ab. „Le Parisien“ ermittelte, die Hälfte der Franzosen sei der Meinung, Chirac habe die „Botschaft der Wähler“ nicht verstanden, nämlich den Wunsch nach mehr Bürgernähe, mehr Profil der Parteien und weniger Arroganz der Politiker. Die Bilanz des Kommentators in „Libération“: „Wenn die Politiker, egal aus welchem Lager, nicht endlich aus ihren Fehlern lernen, kann sich ein rechtsextremes Erdbeben in Frankreich jederzeit wiederholen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben