Politik : Der Haider-Schock regt in Prag neue Vertreibungs-Debatte an

Alexander Loesch

Jörg Haider ruft nicht nur empörte Reaktionen unter den 73 Prozent seiner österreichischen Landsleute, die seine "Freiheitlichen" nicht gewählt haben, sowie bei den europäischen Nachbarn hervor. Die populistischen Auftritte des FPÖ-Chefs und Landesfürsten in Kärnten bewirken manchmal auch etwas Positives: Sie dienen als Mahnung. War erst der Schock der Balkan-Kriege für viele Anlass, den Nationalismus als eine aktuelle Gefahr zu erkennen, zwingt Haider jetzt viele unter seinen Opponenten zum Nach- und Umdenken. Scheinbare Tabus werden plötzlich aufgebrochen, die lange für Stillstand sorgten. Das gilt auch für das deutsch-tschechische Verhältnis.

Prag gegen Gleichstellung der Opfer

Die von dem Zuflüsterer aus Kärnten im Regierungsprogramm der neuen ÖVP-FPÖ-Koalition in Wien durchgesetzte Forderung nach einer Rückerstattung des Besitzes oder Entschädigung der in Österreich lebenden sudetendeutschen Vertriebenen provozierte eine Reaktion der Prager Regierung, die auch nicht anders zu erwarten war: Dem tschechischen Außenminister Jan Kavan zufolge dürfe es nicht sein, dass Opfer der NS-Diktatur, "an der sich auch viele Österreicher beteiligten", so auf eine Stufe mit jenen gestellt würden, die der "Vergeltung ausgesetzt waren, auch wenn diese aus heutiger Sicht unangemessen erscheinen mag".

Die angesehene konservative Prager Tageszeitung "Lidové Noviny" reagierte auf die diplomatisch korrekte Stellungnahme des Außenministers, indem sie eine neue Debatte über die Vertreibung eröffnete, über den nach wie vor wunden Punkt der kollektiven Emotionen der Tschechen. Dadurch, dass die Nation und ihre politischen Vertreter einer echten Auseinandersetzung mit diesem sozialpsychologischen Problem bis heute aus dem Wege gingen, komme vieles, was seit der deutsch-tschechischen Versöhnungsdeklaration von Ende Januar 1997 in den letzten drei Jahren im bilateralen Verhältnis "aufgebaut wurde", lediglich "Potemkinschen Dörfern" gleich. Eine gezielte Polemik.

In Diskussionsbeiträgen wird in der traditionsreichen Zeitung deshalb ein neuer tschechisch-deutscher Dialog gefordert, der die Aufarbeitung des Unrechts an den Sudetendeutschen ausdrücklich einbeziehen müsse. Denn: Dieses lasse sich "angesichts der europäischen Werte nicht auf Dauer verteidigen". Die mehr oder minder offizielle Haltung nach dem Motto: "Die Vertreibung ist zwar etwas, worauf wir heute nicht gerade stolz sind, aber sie ist aus der damaligen Zeit nachzuvollziehen", grenze "an den Populismus eines Jörg Haider" und dessen zweideutige Urteile über die NS-Zeit.

"Hygiene der Innenpolitik"

Die Versöhnungsdeklaration habe es bislang nicht vermocht, zur "Hygiene der tschechischen Innepolitik" beizutragen. Mit dieser Polemik versucht die "Lidové Noviny" erneut, eine breitere Diskussion über die alten Schuldfragen im Eigeninteresse der Nation anzustoßen. Ähnliche Initiativen in den letzten Jahren waren stets an tief sitzenden Vorurteilen gescheitert. Ob die Verantwortlichen in Prag diese neue Chance ergreifen oder weiter den nationalen Ängsten das Wort reden, bleibt abzuwarten.

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