Politik : Der harte Kern schmilzt

Deutscher Umschwung verunsichert Franzosen

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Frankreich steht unter wachsendem Druck, nachdem Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie angekündigt hat. Bisher wurde Atomkraft von der Bevölkerung akzeptiert, doch seit kurzem macht sich zum ersten Mal ein Riss im Atomdogma bemerkbar. Begonnen hat das schon mit dem Unfall in Fukushima, doch die deutsche Entscheidung hat die Tendenz verstärkt. Die Medien diskutieren groß das Thema, das ihnen vorher kaum eine Zeile wert war.

Wenn die Wirtschaftsmacht Deutschland auf einen Ausstieg setzt, warum nicht auch Frankreich? Die französische Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ behandelte das Thema Atomkraft am Wochenende sogar auf sechs Seiten. Eine Umfrage, die die Zeitung veröffentlichte, ergab, dass die Mehrheit, 62 Prozent der Franzosen, einen Ausstieg aus der Atomkraft über 25 oder 30 Jahre fordert, 15 Prozent wollen sogar einen schnellen Ausstieg. Frankreich ist aber viel abhängiger von Atomkraft als Deutschland, drei Viertel des Stroms werden aus 58 Kernkraftwerken geliefert, mehr als dreimal so viel wie in Deutschland.

Dennoch fühlen sich laut der Umfrage immer noch 55 Prozent mit ihren eigenen Kernkraftwerken in Sicherheit. Vergleiche zu Umfragen im April zeigen allerdings, dass die Ablehnung steigt. Frankreichs Regierung, die auf die Zukunft von Atomkraft setzt, kritisiert deshalb den deutschen Alleingang ohne Abstimmung mit den europäischen Partnern. Energieminister Eric Besson forderte ein europäisches Vorgehen. Er setzt sich beim zuständigen europäischen Energiekommissar für die „Ausrichtung eines Abstimmungstreffens der Energieminister“ ein. Dabei sollen die Konsequenzen erörtert werden, die sich für die anderen Länder durch den deutschen Ausstieg ergeben. Die Abschaltung der deutschen Meiler werde Auswirkungen auf ganz Europa haben, so Besson.

Die Atomindustrie war bis vor kurzem eines der Aushängeschilder Frankreichs. Nach der Katastrophe in Japan reiste Präsident Nicolas Sarkozy als erster Staatschef nach Tokio und sprach sich für mehr Sicherheit in der Nuklearindustrie aus. Ständig warb er weltweit für die französische Atomindustrie. Nach dem deutschen Ausstieg befürchtet Frankreich, dass die Entscheidung Nachahmer findet und die Stimmung im eigenen Land kippt. Anne Lauvergeon, die Chefin des staatlichen Atomkonzerns Areva, erklärte, Deutschland gefährde die Klimaschutzziele der EU. „Deutschland wird Strom aus Ländern mit Atomprogrammen importieren müssen“, sagte sie.

Die Atomfrage dürfte bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr thematisiert werden. Auch die anderen Parteien haben das Thema, das in Frankreich bisher kaum eine Rolle spielte, entdeckt. Die Umweltpartei „Europa Ökologie Die Grünen“ (EELV) setzt auf Atomausstieg. Nicht einig sind sich bisher die Sozialisten, die Nuklearenergie vorher nicht infrage gestellt haben. Die Parteivorsitzende Martine Aubry sagte, sie hätte es gewünscht, dass die Sozialisten den Atomausstieg ins Programm aufnehmen.

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