Politik : Der Harz wächst zusammen Fusion der Nationalparks wird heute besiegelt

Klaus Wallbaum[Wernigerode]

Jahrzehntelang hatte dieser Ort etwas Geheimnisvolles. Mitten auf dem Brocken, dem höchsten Berg des Harzes, stand eine riesige Abhörstation mit mächtigen Kuppelbauten und hohen Antennen. Den Ostdeutschen war der Zutritt auf den Gipfel verboten, die Westdeutschen konnten ihn aus sicherer Entfernung durchs Fernrohr betrachten.

Nun ist der Brocken schon seit 15 Jahren für jedermann zugänglich, die Abhörstation gibt es nicht mehr. Aber wenn am heutigen Donnerstag die Nationalparks von West- und Ostharz fusionieren, scheint das Geheimnisvolle des Brockens noch in der Luft zu liegen. Anders sind die vielen Schwierigkeiten und Hindernisse nicht zu erklären, die auf dem Weg zur Vereinigung zurückgelegt wurden.

Im Grunde ist alles ganz einfach: Auf niedersächsischer wie sachsen-anhaltischer Seite gibt es Nationalparks, in denen geregelt ist, welche Wege man betreten darf, welche Schutzzeiten für die Tierwelt zu respektieren sind, wo Wintersport erlaubt ist. Beide Gebiete umfassen zusammen eine Fläche von 25 000 Hektar. Luchse leben hier, es gibt seltene Vogel- und Pflanzenarten. 560 Kilometer Wanderwege wurden gezählt, außerdem 200 Kilometer Skiloipen. Gemeinsam lässt sich das alles besser verwalten.

Dass der Zusammenschluss trotzdem jahrelang nicht zustande kam, mag auch mit den unterschiedlichen Befindlichkeiten zu tun haben. Der westliche Harz hatte in den siebziger Jahren seine große Zeit, als neue Hotels in die Höhe schossen, Seilbahnen gebaut und Kurhäuser eröffnet wurden. Heute sind die Touristeneinrichtungen hier in die Jahre gekommen, und viele Harz-Urlauber bevorzugen die ihnen früher verschlossenen Stätten im Osten – das schöne Wernigerode etwa oder den Hexentanzplatz in Thale. Die Städte im Westharz scheinen unter der Konkurrenz im Osten zu leiden. Inzwischen ist dies eine Krisengegend, die besonders unter Abwanderung und Überalterung der Einwohnerschaft leidet. Der Ostharz hat ähnliche Probleme.

Eine psychologische Besonderheit kommt hinzu: Was die Aufwertung zum Nationalpark angeht, war der Ostharz weitaus schneller als der Westen. Einen Tag vor der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 wurde das Schutzgebiet festgelegt – nach DDR-Recht kurz, schmerzlos und konsequent. Zwei Tage später hätte man das umständliche bundesdeutsche Recht mit Verbandsbeteiligungen anwenden müssen. Die Politiker im Ostharz sind seither im Westen berüchtigt dafür, der Natur absoluten Vorrang gewähren zu wollen. Wenn ein gemeinsamer Nationalpark entsteht, könnten manche Investorenpläne im Westen wie im Osten an der starken Naturschutzbehörde scheitern.

Verstimmungen gab es auch darüber, dass Sachsen-Anhalt im Zuge der Kreisreform einen neuen Landkreis mit dem Namen Harz versehen hatten, ohne die Kommunalpolitiker im Westharz darüber zu informieren. Dem gemeinsamen Nationalpark steht nun trotzdem nichts mehr im Wege. Die beiden wichtigsten Fragen sind einvernehmlich geklärt: Seinen Verwaltungssitz bekommt die Einrichtung im Osten, in Wernigerode. Der Leiter wird zum Ausgleich ein Westdeutscher.

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