Politik : Der Hass auf das Andere

Einer Studie zufolge reicht Fremdenfeindlichkeit mitten in die Gesellschaft, Angst vor dem Islam wächst

Axel Vornbäumen

Berlin - Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer hat den Deutschen ein bedenkliches Zeugnis in Sachen Toleranz ausgestellt. Heitmeyer forscht, nun schon im dritten Jahr, in einer Langzeitstudie zum Thema „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Bevölkerung“. Nach den neuesten Ergebnissen, die er am Donnerstag in Berlin präsentierte, hat die Fremdenfeindlichkeit mittlerweile die Mitte der Gesellschaft erreicht, der Antisemitismus bricht sich auf Umwegen Bahn, die Islamophobie wächst.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sprach angesichts der neuesten Zahlen von einer „Bewährungsphase der Demokratie“. Der vorgelegte Befund, so Thierse, müsse ein Argument für „mehr Gerechtigkeitspolitik“ sein. Heitmeyer selbst warnte vor einer „sozialen Spaltung“ der Gesellschaft, die als solche mittlerweile auch von über 90 Prozent der Bevölkerung wahrgenommen werde.

Menschen, die sich vor dieser sozialen Spaltung fürchteten, neigten dazu, Minderheiten abzuwerten, sagte Heitmeyer. Erste Ergebnisse weisen in die Richtung, dass in Deutschland wegen der wahrgenommenen Spaltung die Fremdenfeindlichkeit steigt. So stimmten 2004 fast 60 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland“. 2002 waren es 55,4 Prozent. Auch hat die Forderung, dass Ausländer wieder in ihre Heimat geschickt werden sollten, wenn die Arbeitsplätze knapp werden stärkeren Zulauf: 2004 (36 Prozent) gegenüber 2002 (27 Prozent). Ein bedenklicher Befund ist für Heitmeyer, dass der Anstieg der Werte vor allem auf Personen zurückzuführen ist, die sich selbst der politischen Mitte zurechnen.

Außerordentlich hohe Werte ermittelte Heitmeyer in seiner Studie auch, als es galt, antisemitische Einstellungen zu erforschen. Zwar wirkt dabei nach Darstellung des Wissenschaftlers eine „historische Bremse“ – so bewegen sich die Werte für „klassischen Antisemitismus“ etwa auf einem Niveau von 20 Prozent. Heitmeyer registrierte in seiner Untersuchung jedoch mittlerweile eine „Umwegkommunikation“. So stimmten mehr als zwei Drittel der 3000 Befragten der Aussage zu: „Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“. Jeder zweite Befragte setzte überdies das Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern mit dem Verhalten der Nazis gegenüber den Juden gleich.

Auch die Abneigung gegenüber dem Islam ist der Studie zufolge gewachsen. So waren 2004 fast 70 Prozent der Befragten der Meinung, dass die islamische Kultur nicht in die westliche Welt passe (2003: 66 Prozent). Und mehr als jeder dritte Befragte stimmt der Aussage zu: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ Es gebe, so Heitmeyers Fazit, Tendenzen zu einem „menschenfeindlichen Normalitätsstandard“.

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