Politik : Der Himmel ist noch da

Von Ursula Weidenfeld

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Zuerst ist es bei den ganz großen Unternehmen die Story vom Erfolg, die Mitarbeiter, Aktionäre und Politiker gefangen nimmt. Da will man es doch nicht übel nehmen, dass große Männer viel verdienen wollen. Man versteht es, wenn sie teure Hobbys haben, große Häuser kaufen und mal über die Stränge schlagen. Das muss sein, das darf sein, wenn man sich einen Unternehmenslenker wünscht, der tolle Pläne und große Produkte macht, der Übernahmen Hochzeiten im Himmel nennt. So war es bei Ron Sommer und der Telekom, so war es bei Thomas Middelhoff und Bertelsmann, so war es bei Jürgen Schrempp und DaimlerChrysler.

Wenn sich die Sache dann zu einer unendlichen Geschichte von Überdruss und Ausweglosigkeit auswächst, diskutiert man über Vorstandsgehälter und über Nieten in Nadelstreifen. Man bemerkt, dass die Manschettenknöpfe teurer waren als das, was ein einfacher Angestellter im Monat verdient. Man rechnet vor, dass die Zigarren mehr kosten als ein Mittagessen für eine Durchschnittsfamilie. Es wäre einem lieber, wenn der Boss über konkrete Probleme nachdenken würde, anstatt Großes zu versprechen. Dennoch: Er bleibt im Amt. Angeblich, weil es keinen anderen gibt, der den Job machen kann. So ging es bei der Telekom, bei Bertelsmann, bei Daimler-Chrysler. Irgendwann, wenn es eigentlich schon zu spät ist, wird der Schnitt dann doch gewagt. Ein Neuer soll es richten.

Zu spät, von vorn, ein Neuer. Spätestens in dieser Phase werden die Fehler und die Entscheidungsprobleme in der Topetage bei den Beschäftigten und bei den Eigentümern abgeladen. Die Arbeitnehmer haften mit ihren Gehältern, der Arbeitszeit und im schlimmsten Fall mit ihren Jobs. Die Eigentümer müssen auf eine angemessene Verzinsung ihres Kapitals verzichten, manchmal verlieren sie es. Das trifft Kapitalisten und Banken, Hedge-Fonds und Spekulanten. Es trifft aber vor allem Kleinaktionäre und diejenigen, die für ihre Altersvorsorge in Aktienfonds investiert haben.

Beide Gruppen tragen keine direkte Schuld an den Fehlentwicklungen, für die sie trotzdem zahlen müssen. Ihre Schuld ist nur ein Versäumnis. Sie haben nicht genau genug hingeschaut. Wer nun klagt, bei Daimler-Chrysler sei zu spät gehandelt worden, der hat zwar Recht. Doch im Aufsichtsrat der Firma bestimmte in den vergangenen Jahren nicht nur die Deutsche Bank – im letzten Jahr wurde Schrempp vor allem von den Arbeitnehmervertretern um Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm gestützt. Schrempp hatte ihnen den harten Sanierer Wolfgang Bernhard vom Hals geschafft und offenbar im Gegenzug die Loyalität der Beschäftigten erkauft.

Jahrzehntelang haben die deutschen Aktiengesellschaften genau so funktioniert. Auf der einen Seite standen Vorstände, Banken und Arbeitnehmer, auf der anderen die Eigentümer. Management und Betriebsrat rückten immer enger zusammen. In vielen Fällen passiert das zum Wohl der Firma, nur eben nicht immer. Wer Deals und Abmachungen zu Lasten Dritter verhindern will, muss ernst machen mit ernst gemeinter Kontrolle. Wer keine abgehobenen Manager mehr haben will, die fern von Kunden, Mitarbeitern und Eigentümern vor sich hin visionieren, muss falsche Kumpanei beenden.

Die ganze große Interessenkoalition lässt sich nur dann beenden, wenn sich die Einzelnen auf ihre Aufgaben besinnen: Vorstände leiten ein Unternehmen im Auftrag der Eigentümer und sind ihnen Rechenschaft schuldig. Sie sind nicht die Eigentümer. Aktionäre sind als Eigentümer dem eigenen Gewinn, aber auch dem Gemeinwohl verpflichtet. Beide Interessen müssen sie bei der Unternehmenskontrolle durchsetzen. Die Beschäftigten müssen die Interessen der Belegschaft vertreten und mit dafür sorgen, dass es dem Unternehmen gut geht.

Wer nicht mehr weiß, wie das geht, der kann sich in den vielen kleinen und mittleren Unternehmen des Landes umsehen, bei ihren Eigentümern und ihren Beschäftigten. Da gibt es viele kleine Storys vom Erfolg.

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