Der Horror von Newtown : Trauer und Selbstkritik nach dem Amoklauf in den USA

Mit "gnadenloser Effizienz" tötete der 20-jährige Adam Lanza 20 Kinder und sechs Erwachsene. Die Waffen besaß er ganz legal. Augenzeugen berichten von dem Horror auf dem Schulgelände in Newtown. Im Land der Waffennarren tauchen nun gewisse Fragen auf - und sie werden drängender gestellt als je zuvor.

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17.12. Am Montag werden die ersten Opfer des Amoklaufs zu Grabe getragen - zwei sechsjährige Jungen.Weitere Bilder anzeigen
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18.12.2012 11:1417.12. Am Montag werden die ersten Opfer des Amoklaufs zu Grabe getragen - zwei sechsjährige Jungen.

Joseph Wasik war auf Montageeinsatz und zunächst nicht allzu besorgt, als seine Frau auf seinem Handy anrief. Die Grundschule, auf der ihre Tochter Alexis in die dritte Klasse geht, habe einen Warnhinweis an alle Eltern verschickt, dass das Gelände abgeriegelt worden sei, sagte sie. Solche Alarmmeldungen haben die Wasiks immer mal wieder bekommen, bisher war es stets Fehlalarm. Überall in Amerika hat man die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, nachdem es mehrere Massaker in Schulen, Kinos und Einkaufszentren gegeben hat. Auch in einem friedlichen Provinzstädtchen wie Newtown, Connecticut, in das Menschen der guten Bildung wegen ziehen und weil sie sich dort sicher fühlen, wurde ein Schutzsystem eingeführt. Nach Unterrichtsbeginn ist die Eingangstür zum Schulgebäude verschlossen. Wer hinein will, muss klingeln.

Doch als der 42-jährige Elektriker seinen Laptop öffnet und die Schlagzeile „Schulschießerei in Connecticut“ sieht, schießt ihm die Angst um sein Kind durch die Adern. „Ich bin zu meinem Auto gerannt und losgerast“, erzählt er später Reportern der „Washington Post“. Als er in die Nähe der Schule kommt, herrscht Chaos. „Kreuz und quer sind Autos abgestellt, dazwischen die Wagen der SWAT-Spezialteams der Polizei. Eltern rufen verzweifelt die Namen ihrer Kinder.“

Wasik macht sich ebenfalls auf die Suche nach seiner Tochter. Der Rotorenlärm der über der Schule kreisenden Helikopter füllt die Luft. Erwachsene rennen wild durcheinander, vielen stehen Tränen in den Augen. Andere haben einen Blick, als könnten sie kaum fassen, was sich um sie herum abspielt.

Von Zeit zu Zeiten führen Lehrer oder Polizisten Kinder im Gänsemarsch aus der Schule. Um sie vor dem Anblick der Toten zu schützen, hat man ihnen gesagt, sie sollten die Augen schließen und beide Hände auf die Schultern des Kindes vor ihnen legen. Manche Kinder haben Blutflecken auf der Kleidung, viele weinen so hemmungslos, dass die kleinen Körper zittern. Feuerwehrleute hüllen sie in Decken, um sie vor der Dezemberkälte zu schützen, und bringen sie in die nahe Feuerwache. Dort tragen Polizisten die Namen der Neuankömmlinge in eine Liste geretteter Kinder ein.

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