Politik : „Der Iran hat alles aus seinen Waffenlagern geliefert“

Hisbollah-Expertin sieht Terrororganisation durch Konflikt mit Israel gestärkt

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Amal Saad-Ghorayeb ist Professorin für Politikwissenschaften an der American Lebanese University in Beirut. Sie hat unter anderem das Buch „Hisbollah, Politik und Religion“ verfasst. Mit ihr sprach Alfred Hackensberger.

Beirut brennt, Libanons Infrastruktur wird zerstört. Hat die Hisbollah die Reaktion Israels auf die Entführung zweier Soldaten unterschätzt?

Das glaube ich nicht. Hisbollah hat sicher alle Konsequenzen durchgedacht. Ich bin überzeugt, dass ein israelischer Angriff ein Szenario ist, auf das sie vorbereitet waren. Am Freitag griff Hisbollah ein Kriegsschiff Israels an, so etwas ist keine Zufallsaktion. Hisbollah hat graduell reagiert, bis heute nicht alle militärischen Möglichkeiten ausgespielt. Es gab und gibt eine klare militärische Strategie.

Wie weit wurde bei den Angriffen die militärische Infrastruktur von Hisbollah beschädigt?

Die Israelis sagen, sie greifen militärische Ziele an, aber bisher wurden vor allem Zivilisten getötet und zivile Infrastruktur zerstört. Meines Wissens ist am Wochenende nur ein einziger Hisbollah-Kämpfer getötet worden.

Israel will Hisbollah als Ganzes vernichten. Gibt es dafür eine Chance?

Nein, ich denke nicht. Hisbollah ist keine kleine Organisation, mit einem Mitgliederzentrum und verschiedenen Militärbasen, die man einfach zerstören könnte. Es ist eine Volksbewegung, die überall präsent ist. Waffen sind über das ganze Land verteilt und können jederzeit flexibel eingesetzt werden. Eine derartige Bewegung kann man nicht mit konventionellen militärischen Mitteln ausradieren.

Israel hält den Iran und Syrien für die Aktionen der Hisbollah verantwortlich. Welche Rolle spielen die beiden Länder?

Der Iran ist ein Faktor, den die Israelis unterschätzt haben. Seit einiger Zeit gibt es eine intensive Koordination zwischen Hamas, Hisbollah und dem Iran. Dabei geht es um gemeinsame Strategien, informelle Absprachen und militärische Ausbildung. Syrien ist nur ein Transitland für Waffenlieferungen.

Alle Waffen der Hisbollah stammen aus dem Iran, auch diese weit reichenden Raketen, die im israelischen Haifa einschlugen?

Ja, natürlich. Man kann davon ausgehen, dass der Iran alles aus seinen Waffenlagern geliefert hat, was man in Einzelteile zerlegen und in den Libanon transportieren kann. Unter dem neuen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad wurde noch freigiebiger geliefert.

Man sollte die Ankündigung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, es werde weitere militärische Überraschungen geben, ernst nehmen?

Ja. Er ist ein Mann, der in dieser Beziehung keine leeren Drohungen ausspricht. In Israel gab es vor kurzem eine Umfrage, nach der Israelis den Worten Nasrallahs mehr glauben schenken, als den eigenen Politikern. Hisbollah hat ihre militärischen Möglichkeiten nicht ausgereizt.

Die libanesische Regierung scheint keine entscheidende Rolle zu spielen.

Derzeit blickt alles auf Hisbollah und Hassan Nasrallah. Wenn er spricht, sitzen die Menschen vor dem Fernseher. Als er den Krieg gegen Israel erklärte, wurde in Beirut gejubelt.

Hisbollah hat nichts von ihrem Ansehen und ihrer Rolle als Widerstandsbewegung verloren, obwohl das halbe Land wegen ihr zerstört wurde?

Es erscheint paradox, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Reaktion Israels hat nach Ansicht vieler bewiesen, wie wichtig Hisbollah für die nationale Verteidigung ist – nur sie kann Israel die Stirn bieten. Für Hisbollah geht es bei dem Konflikt ums politische Überleben.

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