Politik : Der Islam-Gelehrte ist beliebt, gilt aber als politisch unberechenbar

Volker S. Stahr

Das Bild nach der Wahl des neuen indonesischen Präsidenten hatte Symbolwert. Inmitten der Szene sass in sich ruhend Abdarrahman Wahid als neues Zentrum indonesischer Politik und hob kraftvoll zur Nationalhymne an. Obwohl gebrechlich und fast blind, war er präsent. Seine Gegenkandidatin Megawati dagegen stand versteinert, fast abwesend daneben. Nachdem der Vertreter des alten Regimes, Präsident Habibie, kurz zuvor aufgegeben hatte, hatte sie sich bereits als Siegerin gewähnt.

Doch das Bild hatte auch aus einem zweiten Grund Symbolwert. Seit der Parlamentswahl im Juni, bei der Megawatis PDIP mit 35 Prozent stärkste Partei geworden war, wartete sie tatenlos darauf, dass diese Führung ihr die restlichen Stimmen zur Mehrheit zutragen würde. Wahid dagegen handelte und sammelte Verbündete um Verbündete - mit Zugeständnissen, Versprechen und wohl auch mit Geld, wie in Indonesien nicht unüblich. Als er zuletzt wahrscheinlich noch den Chef der alten Regimepartei, Akbar Tandjung, hinter sich gebracht hatte, war dies der Sieg.

In Jakarta gingen einige der jungen An-hänger Megawatis hernach auf die Barrikaden. "Stimmenschacher" war ein oft gehörtes Wort. Doch das greift zu kurz. Anders als Megawati, die nur eine liberale Tendenz und Teile der Jugend repräsentiert, steht Wahid im Zentrum, vereint die drei grossen Strömungen des gewaltigen Archipels mit 200 Millionen Menschen. Wahid ist Führer der 30 Millionen Mitglieder starken Massenorganisation "Gemeinschaft der Religionslehrer" (Nahdlatul Ulama). Sie ist der Bannerträger des "Adat-Islam", eines südostasiatischen Islam, der die Grundregeln jener Weltreligion mit der regionalen Urkultur des "Adat" verbindet. Die aber ist eine Kultur, in der Tradition, Harmonie und Konsens hoch anstehen und lange Beratungen eine große Rolle spielen. So gilt "Adat-Islam" als gemässigte Spielart des Islam, der sich eine breite Mehrheit der Indonesier zuordnet; vor allem in den ländlichen Regionen.

Allerdings ist Wahid damit keineswegs ein Konservativer vom Lande. Der knapp 60-Jährige ist durch Ausbildung in Islam- und Staatsschulen sowie Studium in Nahost eine Mischung aus einem populären Geistlichen und einem Intellektuellen. Islam sieht er als Wertmodell, das als politisches Programm für eine soziale Gesellschaft wirken müsse. Er verweist auf Sozialgebote, Zinsverbot und Suppenküchen.

Wahids Gegner kritisieren, dass er von allem etwas sei, nicht richtig islamisch, nicht richtig liberal. Wahid ist ein Meister des politischen Verwirrspiels, und er gilt als unberechenbar. So hatte er zwar seine Kandidatur für das höchste Staatsamt akzeptiert, gleichzeitig aber auch die Bewerbung der ihm jetzt unterlegenen Megawati Sukarnoputri unterstützt. Eine der vorrangigen Aufgaben Wahids wird es jetzt sein, deren aufgebrachte Anhänger wieder zu beruhigen. Nicht ausgeschlossen, dass er Megawati zur Vizepräsidentin macht.

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