Politik : …der Jubel blüht

-

Den Jubel hat unzweifelhaft Lothar Emmerich erfunden. Gerhard Schröder hat ihn nur verfeinert. Und auf 66 Wiederholungen ausgedehnt. Bevor wir uns eingehender mit dem Jubel beschäftigen, nur kurz, wer Lothar Emmerich war. Er war einer wie „Acker“, also der Fußballer im Kanzler, und hat die Welt um einige schöne Dinge erweitert. „Linke Klebe“, „Gib mich die Kirsche“, „Lasso“ sind drei seiner Innovationen. Emmerich war Fußballspieler, und beim Lasso ließ er seinen rechten Arm kreisen, nachdem er mit seiner linken Klebe die Kirsche in Gegners Tor gesemmelt hatte.

Fürs Lasso ist Kanzler Schröder wohl doch schon etwas zu alt und der dazugehörige Sprung in die Höhe etwas zu gewagt. Der Kanzler macht den Hammerwerfer, nachdem er Angela Merkel eine reingesemmelt hat, verbal natürlich nur. Beim Hammerwerfer hebt man die Arme über den Kopf und verschränkt fest die Hände. Dann deutet man mit einem kurzen Zucken einen Händedruck nach links, nach rechts und in die Mitte an. Eigentlich will ich jedem die Hand einzeln drücken, soll das heißen, aber das geht nicht, auch nicht auf einem Parteitag der SPD.

Obwohl schon genug Zeit gewesen wäre, weil die Delegierten ihrem Kanzler zwölf Minuten Schlussapplaus schenkten, nachdem sie ihm während seiner Rede 177 Mal Szenenapplaus gewährten. Wer die Zeit hat, das alles zu zählen, bleibt offen.

Aber zwölf Minuten! Und 66 Mal den Hammerwerfer! So viel hat Merkel in Dortmund beim Parteitag der CDU nicht hinbekommen. Meistens hören Edmund Stoiber und Friedrich Merz viel früher auf zu klatschen. Auch wäre der Hammerwerfer für Angela Merkel eine unvorteilhafte Pose, weil die Pose mit ihrer zupackenden Art möglicherweise Assoziationen an Tamara Press, eine ehemalige sowjetische Kugelstoßerin, oder an Liesel Westermann, eine ehemalige westdeutsche Diskuswerferin, wachrufen könnte.

Andererseits sollten zwölf Minuten aber auch wirklich genug sein. Mehr Applaus bekommt in der Welt wahrscheinlich nur Kim Jong Il in Nordkorea. Mit dem möchte ja nun niemand auf einer Stufe stehen. Fidel Castro könnte Kim Jong Il, was Applauszeiten angeht, noch nahe kommen. Aber weil Castro immer so lange redet, so fünf, sechs Stunden, sind seine Zuhörer am Schluss immer schon am Ende.

Grundsätzlich jedoch werden das Klatschen und der Jubel in der Politik stark überschätzt. Über den Wahlausgang sagen beide nichts aus. Es ist nämlich so, wie Baron Charles-Louis de Montesquieu einst festhielt: „Für seine Arbeit muss man Zustimmung suchen, aber niemals Beifall.“uem

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben