• Der Kaiser war nackt - Die CDU reagiert zögerlich auf die Wiedergutmachung - zu Recht (Kommentar)

Politik : Der Kaiser war nackt - Die CDU reagiert zögerlich auf die Wiedergutmachung - zu Recht (Kommentar)

Thomas Kröter

Es schien so klug ausgedacht zu sein: Helmut Kohl tut Buße, macht den Schaden wieder gut, den er angerichtet hat. Sechs Millionen, zwei Millionen schwarze Spenden plus vier Millionen Strafe - alles fein säuberlich verbucht und zurück an die christdemokratische Schatzmeisterei.

Ja, der Ehrenvorsitzende a. D. nimmt sogar eine Hypothek auf sein Eigenheim auf, und nicht nur das, er zeigt auch, wie viel Wertschätzung er noch genießt, außerhalb der Partei. Alles sehr klug? Wohl eher doch nur schlau. Die Straße, von der Michael Holm, einer seiner Spender, in seinem größten Hit ("Mendocino") singt, mag nach San Fernando führen - aber nicht geradewegs zurück in die Mitte der CDU.

Perdu. Helmut Kohl hätte es wissen müssen. Er hatte ja mitbekommen, dass die Partei sich für Angela Merkel als seine Nachnachfolgerin öffnet. Sonst hätte er kaum über den großen Frauenförderer Herrn K. schwadroniert. Aber er hat den falschen Schluss daraus gezogen. So einfach lässt sich die Sympathie nicht mehr auf ihn polen. Dazu fehlt, nein, in diesem Falle nicht die Ehre, sondern die Macht. Dass einer ohne Hemd dasteht, wird nur übersehen, wenn er der Kaiser ist - weil der die Mittel hat, vorwitzige Wahrheitssager jenseits des Kindesalters in den Senkel zu stellen. Bei Helmut Ohneland ist der Nimbus schnell dahin.

Mag sein, dass es wieder anders wird. Zurzeit aber reichen Gesten nicht aus, die Partei will Taten sehen. Sie will zum Beispiel nicht, dass Vorsitzende und ihre Mannschaften in Hinterzimmern ausgekungelt werden. Also: Nicht nur ein neues Gesicht an der Spitze, auch ein anderer Weg zu seiner Wahl. Nicht bloß Buße zahlen, sondern auch wirklich tätige Reue zeigen. Wie das geht? Schwer zu sagen. Negativ gesprochen: Jedenfalls nicht so, wie Kohl es getan hat.

Seine Botschaft lautete: Ich will so bleiben, wie ich bin. Egal, was die Medien sagen, egal, was die christdemokratische Spitze dazu sagt. Die Botschaft, die aus den verhaltenen Reaktionen seiner Parteifreunde zu erkennen ist, lautet: Genau das darfst Du nicht. Der einst Übermächtige tut gut daran, nicht auf dem Parteitag zu erscheinen.

Und er tut gut daran, den Schutz einer Feierstunde für seinen ersten Wiederauftritt im Bundestag zu suchen. Ob er sich einen Gefallen tut, bis zum Ende der Wahlperiode an seinem Mandat festzuhalten, muss Kohl wissen. Ein Argument jedenfalls ist legitim: In den Untersuchungsausschuss will er als Abgeordneter.

Bleibt die Frage: Darf die Partei das Geld annehmen, von dem Kohl behauptet, es sei kein Ablassversuch, der die Seele aus dem Fegefeuer springen lassen soll. Ja, sie darf. Es ist keine Heuchelei, den Bimbes zu nehmen und die Vergebung der großen Sünde zu verweigern. Es ist schlicht und einfach: pragmatisch. Die CDU braucht Geld zum Begleichen der viel höheren Strafe, Kohl gibt ihr einen Teil davon. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

In anderem Zusammenhang nennt man derlei Umgang miteinander "Täter-Opfer-Ausgleich". Da ist das Opfer auch nicht gezwungen, den Täter gleich (wieder) in sein Herz zu schließen. Dabei fällt einem noch ein anderer ein: Was tut eigentlich Manfred Kanther, um den noch viel größeren Schaden, den er mit den erfundenen toten jüdischen Spendern in Hessen zu verantworten hat, wenigstens materiell zu lindern? Aber wer wollte auch schon dessen Memoiren lesen? Höchstens Roland Koch.

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