Politik : Der Kampf der Ärzte

Die Mediziner in den Krankenhäusern arbeiten unter schwierigsten Bedingungen. Ein Besuch in Rakka.

Abdul Karim Jaafar[Rakka]
Im Einsatz. Das Bild zeigt den Arzt bei einer Behandlung, dieser möchte aber aus Angst um sein Leben nicht gezeigt werden. Foto: Abdul Karim Jaafar
Im Einsatz. Das Bild zeigt den Arzt bei einer Behandlung, dieser möchte aber aus Angst um sein Leben nicht gezeigt werden. Foto:...

An den meisten Tagen wird Marwan von Explosionen wach. So schnell es geht, begibt er sich dann zu seinem derzeitigen Arbeitsplatz, einem Feldkrankenhaus in Rakka in Syrien. Er weiß, dass er wieder dringend gebraucht wird. Denn es gibt nur eine Handvoll seiner Sorte: Marwan, der seinen richtigen Namen aus Angst um seine Familie und sich selbst nicht nennen möchte, ist ein Arzt, der freiwillig in dem Lazarett arbeitet. Manchmal muss der 30-Jährige bereits beim ersten Morgengrauen aufbrechen.

Im Krankenhaus erwarten ihn Aufgaben und Herausforderungen, die sich den meisten Ärzten im Rest der Welt in ihrer gesamten Karriere nicht stellen. „In unser Krankenhaus werden jeden Tag rund zehn Opfer gebracht“, sagt Marwan. „Darunter sind oft schwer verletzte Menschen.“ Wenn die Luftschläge der Armee Wohnviertel getroffen haben, steigt die Zahl der Patienten auf 40 oder mehr an. „Und viele der Verletzten sterben“, sagt der Arzt.

Rakka, das vor dem Ausbruch der Revolution im März 2011 rund 200 000 Einwohner zählte, ist nahezu jeden Tag von der syrischen Luftwaffe bombardiert worden, seit die Opposition die Stadt unter ihre Kontrolle brachte. Gelegentlich kommt es auch zu Gefechten zwischen Rebellen und der Armee an zwei Armeestützpunkten außerhalb der Stadt und am Militärflughafen in der nahe gelegenen Stadt Tabaka, die noch immer von Regierungstruppen gehalten werden. Immer wieder gibt es auch Schusswechsel zwischen Kämpfern zum Beispiel aus dem Irak, die dem Terrornetzwerk Al Qaida nahestehen, und Einheiten der Freien Syrischen Armee der Opposition. Die Bombardements und Kämpfe fordern unter Rebellen und Zivilisten immer eine hohe Zahl an Opfern – für die Feldkrankenhäuser und das Regierungskrankenhaus bedeutet das Hochbetrieb. Keine der Kliniken verfügt nach Angaben von Ärzten noch über ausreichend Notfallausrüstungen, auch Medikamente sind knapp.

Das Lazarett, in dem Marwan arbeitet, liegt im Keller eines ehemaligen Regierungsgebäudes, das aufgegeben wurde, als die Opposition im März die Kontrolle über das Zentrum von Rakka übernahm. Er ist so vollgestellt mit Betten, dass man sich kaum bewegen kann. Verwandte von Verletzten sitzen auf dem Boden des Korridors, der zu dem provisorischen Operationsraum führt. Sogar durch die Betonmauern hören sie die Schmerzensschreie ihrer Liebsten, wenn die Wirkung der Narkosemittel nachlässt.

Zu den schwierigsten Momenten, an die Marwan sich erinnert, zählt der Tag, als er gleichzeitig zwei Patienten behandeln musste, die Hirnblutungen hatten und dringend ein Beatmungsgerät brauchten – was es nicht gab. Marwan rannte nach draußen, um aus einem Krankenwagen einen kleinen Beatmungsapparat zu holen. Dann realisierte er, dass in dem Gerät nicht genug Sauerstoff für zwei Personen war. „Ich konnte keine Verantwortung übernehmen für das, was geschah. Daher gab ich das Beatmungsgerät anderen Freiwilligen. Sie mussten entscheiden, welcher der beiden am dringendsten den Sauerstoff brauchte – was zwangsläufig den Tod des anderen bedeutete“, sagt Marwan. Am Ende starben beide. Ihre Verletzungen waren zu schwer.

Außer Marwan gibt es noch 17 weitere Ärzte im Lazarett von Rakka. Drei von ihnen arbeiten auch im Regierungskrankenhaus und werden vom Gesundheitsministerium bezahlt, während die anderen kleine Summen bekommen, die aus Spendengeldern von Hilfsorganisationen stammen. Die meisten Ärzte sind aus Rakka geflohen, weil sie die Rache der Regierungstruppen fürchteten, nachdem die Opposition die Stadt eingenommen hatte.

Außer Zivilisten werden in dem Krankenhaus auch Kämpfer der Opposition behandelt; manche tragen auch im Lazarett ihre Waffen. Oft werden verletzte Rebellen von schwer bewaffneten Kameraden hergebracht. Unter den freiwilligen Helfern steigt deshalb die Angst, dass ihr Krankenhaus von den Regierungstruppen angegriffen werden könnte. Und immer wieder kommt es im Krankenhaus zu heftigen Auseinandersetzungen, die auch mit Schusswechseln enden, erzählt Marwan. „Ich bin von einem Splitter der Wand getroffen worden, als eine Kugel einschlug. Ein Kollege von mir wurde angeschossen. Ein anderes Mal musste ich ein Mitglied der Miliz davon abhalten, einen verwundeten Sicherheitsbeamten der Regierung zu verprügeln.“ Marwan erinnert sich, wie er dem Rebellen entgegnete: „Hier im Krankenhaus retten wir Menschenleben. Wenn du ihn zusammenschlagen willst, lass mich meine Arbeit beenden und mach draußen mit ihm, was du willst.“

Der Arzt leidet darunter, dass sich seine Familie große Sorgen um ihn macht. Besonders seine Mutter. „Wenn sie das Granatfeuer hört und mich dann nicht erreichen kann, finde ich sie nach meiner Rückkehr zu Hause am Rande eines Nervenzusammenbruchs.“ An den meisten Tagen arbeitet Marwan 15 Stunden – für die Familie bleibt da kaum Zeit. „Auch meine Freunde habe ich monatelang nicht gesehen. Mittlerweile aber arbeiten auch viele seiner Freunde als freiwillige Helfer in dem Krankenhaus. „Nun sehe ich sie mehr als meine Familie.“

Der harte Alltag hat Marwan noch nicht aufhören lassen zu träumen. Er hofft, dass sein Land wieder friedlich und sicher werden wird. „Dann möchte ich eine eigene Praxis eröffnen“, sagt er.

Nachdem Marwan 2009 die Universität mit dem Abschluss Arzt für Allgemeinmedizin verlassen hatte, konnte er weder sein Studium fortsetzen noch eine Praxis eröffnen, weil er sich der Wehrpflicht entzogen hatte. Er verdiente sein Geld in der Autowerkstatt seines Vaters. Vor dem Ausbruch des Aufstands gegen Assad im Jahr 2011 konnte er ein Praktikum im Regierungskrankenhaus in Rakka machen. Marwan brach das Praktikum aber nach sechs Monaten ab, weil er an friedlichen Demonstrationen teilnahm und befürchtete, verhaftet zu werden.

Mit seinen Kollegen im Feldkrankenhaus hat Marwan gescherzt, dass sie Fälle behandelt haben, die alle erdenklichen fachärztlichen Kenntnisse erforderten – bis auf die der Geburt eines Babys. Bis zu dem Tag, als eine hochschwangere Frau eingeliefert wurde, bei der es Komplikationen gab. „Es war eine sehr schwierige Geburt“, sagt Marwan nicht ohne Stolz. „Aber wir haben es geschafft – trotz der äußerst bescheidenen medizinischen Ausrüstung.“

Übersetzung aus dem Englischen von Sven Lemkemeyer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar