Politik : Der Kampf um die Zone

ELKE WINDISCH

MOSKAU . Beim Abendessen im Moskauer Nobelhotel Mariott hatte das Protokoll des russischen Außenamtes seine Finger im Spiel. Die Amerikaner, so weiß man dort, sind scharf auf fangfrischen Fisch. Also wurde ein Patrouillenboot mit einem ungewöhnlichen Auftrag in Marsch gesetzt: einen mittelgroßen Stör einzufangen, der per Flugzeug in die russische Hauptstadt gebracht wurde und mit jungen, in Dill geschwenkten Kartoffeln auf dem Tisch von US-Vizeaußenminister Strobe Talbott landete. Der bedankte sich "in der Sprache Puschkins". Doch die beidseitigen Verrenkungen blieben ohne Ergebnis. Strobe Talbott fuhr gestern ab. Fast zeitgleich tönte Boris Jelzin, Rußlands Kontakte zur Nato blieben im Tiefkühlfach. Howgh, ich habe gesprochen.

Nichts geht mehr zwischen Moskau und Washington. Das Streitobjekt: die Zone. Das Wort ist im Russischen negativ belastet - durch Gulag, Besserungsanstalten für kriminelle Kinder und den radioaktiv verseuchten Raum um das Kernkraftwerk Tschernobyl. Erst ganz weit hinten rangiert im "Großen erklärenden Wörterbuch der russischen Akademie der Wissenschaft" der Begriff "Zone" als Einflußgebiet einer Besatzungsmacht. Um eben diesen aber kämpfen die Russen jetzt bis aufs Messer. Erste Einheiten für die internationale Friedenstruppe KFOR sind am Freitag aus Bosnien kommend in Serbien eingetroffen und in Richtung Kosovo gezogen. Der Kreml pokert hoch.

Der Westen fürchtet nun eine Neuauflage der Entwicklungen in Nachkriegs-Deutschland, wo die sowjetische Besatzungszone zur Keimzelle eines separaten Staates wurde. Mehr als einmal haben sich russische Militärs und das Parlament über die Möglichkeit verbreitet, nach Kriegsende auf den Aufnahmeantrag Belgrads in den russisch-weißrussischen Staatenbund zurückzugreifen. Schließlich hat Moskau ein Interesse daran, die jugoslawischen Adria-Basen dauerhaft als Stützpunkte für die eigene Seekriegsflotte zu nutzen, deren Manövrierfähigkeit seit dem Zerfall der Union mit dem guten Willen der Ukraine steht und fällt. Außerdem tauchten bereits wenige Tage nach Beginn des Nato-Luftkriegs in der Tageszeitung "Iswestija" Teilungspläne für das Kosovo auf. Darin ist zu sehen, daß der industrialisierte, an Bodenschätzen reiche Norden des Kosovo an Jugoslawien und der arme Süden an die Albaner gehen soll.

Beim Gerangel um die Zone und den Status der russischen Kontingente haben jetzt die Militärs die Initiative übernommen. Klar wurde dies schon, als Jelzins Sonderbotschafter für Jugoslawien, Viktor Tschernomyrdin, zusammen mit dem finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari am vorvergangenen Donnerstag Serbenführer Slobodan Milosevic in Belgrad die Zustimmung zu einem Friedensplan abgerungen hatte. Kaum war Tschernomyrdin wieder in Moskau gelandet, fauchte ihn der Abteilungsleiter für internationale militärische Zusammenarbeit im russischen Verteidigungsministerium, Leonid Iwaschow, an. Tschernomyrdin, so Hardliner Iwaschow, habe Abmachungen getroffen, die "eine Reihe von Bedrohungen für die Souveränität Rußlands" enthielten. Zu ähnlichen Schlußfolgerungen kam tags darauf die Duma, die vorgestern in einer scharfen Resolution die Absetzung Tschernomyrdins und eine Untersuchung wegen Kompetenzüberschreitung und Landesverrat forderte.

Am Bonner Verhandlungstisch saß Iwaschow die ganze Zeit dabei. Am Sonntagabend schaltete er sogar klammheimlich den russischen Militärattaché in Belgrad, General Jewgenij Barmjanzew, in die Gespräche zwischen den Nato-Generälen und serbischen Militärs ein. Das geschah, wie die Tageszeitung "Kommersant" unter Berufung auf gut informierte Quellen im russischen Generalstab behauptet, um die von Tschernomyrdin getroffenen Abmachungen im Nachhinein zugunsten Rußlands zu korrigieren.

Zu der Zeit war Belgrad bereits gewillt, vor den Bedingungen der Nato zu kapitulieren. Anders aber Moskau, das sich dem Westen als unentbehrlicher Vermittler andienen wollte. Am Vorabend der Verhandlungen mit US-Vizeaußenminister Talbott ließ Iwaschow die Katze dann aus dem Sack: "Rußland", raunzte der Vier-Sterne-General im hiesigen Fernsehen, "hat die gleichen Rechte wie die Nato und im Friedensprozeß eine entscheidende Rolle gespielt. Wenn der Westen das nicht anerkennt, werden die Verhandlungen eben scheitern. Wir bestehen darauf, einen eigenen Sektor zu bekommen, der mit der jugoslawischen Seite abgestimmt ist und unseren Interessen entspricht. Und entsprechend werden wir handeln."

Zu dem Zeitpunkt hatte die Nato bereits das Kosovo unter den westlichen Alliierten in fünf Sektoren aufgeteilt. Zwar hieß es zur Begründung, ein russischer Sektor fehle, weil der Einsatz der internationalen Friedenstruppe für die Nato-Zentrale steuerbar bleiben muß. Und das wiederum würde nur durch einheitlichen Oberbefehl gewährleistet. Dem aber will Rußland seine Kontingente nicht unterstellen. Jelzin will offenbar die Duma nicht noch mehr reizen und dadurch, angesichts der von Stepaschin angedrohten Vertrauensfrage, eine neue Regierungskrise lostreten. Am Donnerstag abend tauchte im Fernsehen dann urplötzlich ein neuer Teilungsplan auf. Laut diesem verlagert sich der Standort der italienischen Einheiten von Süd-West nach Nord-Nordost, und rechts daneben - im Nordosten - kam auf einmal die russische Trikolore ins Bild.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit den USA will Rußland offenbar vollendete Tatsachen schaffen. Gestern mittag meldeten Nachrichtenagenturen, 500 russische Fallschirmjäger seien aus Bosnien an die Grenze zwischen Serbien und dem Kosovo verlegt worden. Wenig später hieß es, auf drei Militärflugplätzen in Zentralrußland stünden sechs Truppentransporter bereit, um auf eigene Faust weitere 1000 Soldaten in die Krisenregion zu entsenden. All dies geschieht ohne Abstimmung mit dem Westen und ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates. Gerade dessen Fehlen für die Bombenschläge der Nato hatte Moskau stets als völkerrechtswidrig gebrandmarkt.

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