Politik : Der Kandidat bin ich

Sabine Heimgärtner

Zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat der Amtsinhaber Jacques Chirac am Montag seine Kandidatur erklärt und damit den Wahlkampf eröffnet. "Ja, ich bin Kandidat", sagte der 69-jährige Neogaullist vor Anhängern in der Chirac-Hochburg Avignon. Vor diesen Worten gab es nichts, was in Frankreich an einen Wahlkampf erinnert hätte. Keine Plakate, keine Slogans. Dennoch sprechen die Medien von einer kommenden Schlammschlacht.

Die Stimmung an der Seine ist gekippt - zu Ungunsten Chiracs. Er wird von vergangenen, nie aufgeklärten Korruptionsaffären eingeholt. Ausgelöst wurde die Panik bei den Konservativen durch den überraschenden Auftritt eines alten Parteifreundes und den ebenso unerwarteten Rücktritt eines prominenten Richters. Der Parteifreund, Didier Schuller, tauchte sieben Jahre nach seiner Flucht auf und will auspacken: Über illegale Parteispenden an die Chirac-Partei in zweistelliger Millionenhöhe. Der Richter, Eric Halphen, will Anfang März ein Buch über Filz und Mafia in der Politik vorlegen.

Die Erdbeben in Paris waren in den vergangenen Wochen so gewaltig, dass das gesamte Vorwahlszenario durcheinandergeriet. Chirac-Parteigänger und Anhänger bettelten, er, der Titelverteidiger, möge doch vorzeitig seine Kandidatur erklären statt erst Ende März. Doch eigentlich war es schon zu spät, die Umfragewerte für Chirac hatten sich verschlechtert, obwohl er gegenüber seinem voraussichtlichen Herausforderer, Premierminister Lionel Jospin, nach gelungen Auslandsauftritten im Zusammenhang mit dem internationalen Terror-Kampf schon auf dem Siegertreppchen stand.

Auch für Jospin und seine Sozialisten hat sich das Blatt gewendet. Noch zu Beginn der Sommerpause glaubte sich die Regierungspartei sicher, ihren Mann mühelos in den Elysee-Palast bugsieren zu können. Jospin machen zwar keine Affären zu schaffen, dafür aber die ganz normale Politik: Arbeitslosenzahlen, Massenproteste im Öffentlichen Dienst, die Finanzierung der 35-Stunden-Woche und leere Rentenkassen.

Lachender Dritter ist der frühere Innenminister Jean-Pierre Chevènement. Der Vollblutpolitiker erobert mit einer Mischung aus national-konservativen Ideen - gegen den Euro, gegen Frankreichs vollständige EU-Integration - und linken Standpunkten - Protest gegen die amerikanische Militärpolitik, Seite an Seite mit den Globalisierungsgegnern - die französischen Wähler. In der Sonntagsfrage liegt "Che", wie seine Freunde den 62-Jährigen nennen, nur sieben Prozent hinter den Hauptkonkurrenten Chirac und Jospin mit jeweils um die 22 Prozent. Zum Top-Thema innere Sicherheit hat der Liebhaber des Nationalpoeten Victor Hugo gleich ein passendes Zitat bereit: "Öffnet eine neue Schule - und ihr könnt ein Gefängnis schließen". Genial - so feiern ihn seine Anhänger.

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