Politik : Der Kandidat

Michael Naumann will Bürgermeister von Hamburg werden – und kämpft gegen Vorurteile

Armin Lehmann[Hamburg]

Es war ein kämpferischer Tag, der dem Basketballer Michael Naumann wohl gefallen hat. Er fing an mit einer schweren Aufgabe, und er endete mit einer Kampfansage des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Günter Grass für ihn. Ob dieser Donnerstag letztlich ein gelungener Wahlkampftag für den SPD-Spitzenkandidaten in Hamburg gewesen sein wird, der Bürgermeister Ole von Beust (CDU) schlagen will, wird man sehen. Am 24. Februar.

Für die Aufgabe am Morgen hatte Naumann einen guten Coach engagiert, die bekannte „Stern“-Fotografin Karin Rocholl. Es ging um die nächste Serie von Wahlkampfbildern. Das ist Schwerstarbeit, die Aufgabe lautet: Der Mann muss sympathisch, glaubwürdig und seriös zugleich aussehen. Drei Stunden dauerten die Aufnahmen, und Rocholl war mit ihrem Modell zufrieden. „Er hat gekämpft, und er hat es gut gemacht.“ Nichts anderes erwarten die Sozialdemokraten von dem beurlaubten „Zeit“-Herausgeber und Ex- Staatsminister im Kanzleramt unter Gerhard Schröder. Naumann ist schließlich ein besonderer Kandidat, einer von außen, einer, der den heillos zerstrittenen Genossen in der Hansestadt wieder Hoffnung geben soll. Doch da Naumann zwar ein weit gereister, redegewandter Mann, aber beispielsweise in Hamburg-Harburg nicht sonderlich bekannt ist, musste er zunächst die Ochsentour durch alle Bezirke machen. Das erste Wahlplakat, das Rocholl fotografierte, zeigt Naumann mit offenem Hemdkragen in schwarz-weiß, vor ihm leuchtet eine rote Hamburg-Tasse. Auf dem Plakat steht „Hamburgs neuer Bürgermeister“.

Aber warum sollten die Hamburger ihn wählen? „Weil ihm die soziale Schieflage der Stadt ein Anliegen ist“, sagen die, die ihn gut kennen. Aber an dieser Stelle merken diese Freunde an, sie wüssten nicht, ob die weniger intellektuellen Kreise es ihm abnehmen. Manche befürchten, Naumann könnte es ergehen, wie seinerzeit Rudolf Augstein, dem legendärem „Spiegel“-Herausgeber, der 1972 im Bundestagswahlkampf für die FDP antrat und einem kleinen Kind den Roller wegnahm, um sich draufzusetzen.

Neulich, von weiter Reise zurückgekehrt, war Naumann noch schnell ins Haus von Jürgen Flimm geeilt, dem langjährigen Intendanten des Hamburger Thalia-Theaters und engen Freund. Bald schon, berichten Anwesende, hatte Naumann alle um sich geschart und mit „seiner Rhetorik“ mitgerissen. „Er ist nicht so langweilig wie Beust“, sagt einer, der dabei war. Aber, fügte der Mann an, ob das auch bei den kleinen Leuten ankomme? Immer wieder dieser Zweifel, der Naumann so aufregt und als Vorwurf trifft. Er wehrt sich gegen die Verkürzung auf den „Schöngeist“. Naumann sagt: „Ich lasse mir meine Biografie nicht schlechtreden. Ich bin nach dem Krieg im Unterhemd in Hamburg angekommen, habe in Köln in Ruinen gewohnt.“ Die Ausgrenzung der Armen von Bildung sei der wichtigste Grund gewesen, Sozialdemokrat zu werden.

Das Soziale hat Konjunktur, und so ist es wohl richtig, dass Naumann eine zusammenwachsende Stadt, keine wachsende Stadt wie die CDU propagiert. Tatsächlich gehört Hamburg zu den Städten, in der die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander geht, obwohl die Wirtschaft boomt, die Tourismuszahlen steigen und die Anziehungskraft wächst.

Das neue Plakat wird Naumann mit Krawatte zeigen. Hemdsärmlig ist die Stadt nicht zurückzuerobern für die SPD, die sie 40 Jahre regiert hat. Anfang Januar kommt Gerhard Schröder zum offiziellen Wahlkampfauftakt, am 24. Februar wird gewählt. Gestern war Günter Grass da. Der hat schon für Brandt, Engholm, Thierse und Schröder Wahlkampf gemacht. Kampfgeist und Ironie sind dem 80-Jährigen nicht verloren gegangen. Am Fischmarkt schenkte er Naumann 1000 Hahnenköpfe mit rotem Kamm. Der Kandidat kann jede Hilfe brauchen.

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