Politik : Der Kanzler bleibt dem Begräbnis fern - und verpasst damit eine große Chance (Kommentar)

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Hätte Gerhard Schröder seinen Urlaub in Italien unterbrechen sollen, um in Israel an der Beerdigung von Ignatz Bubis teilzunehmen? Die entschiedenste Antwort heißt: Ja, natürlich, das Fehlen des wichtigsten politischen Repräsentanten der Bundesrepublik bei dieser Zeremonie war ein Skandal. Die überzeugendste Antwort jedoch lautet: Der Kanzler musste vielleicht nicht kommen, aber durch sein Fernbleiben hat er eine große Chance verpasst. Seit der Bundestagswahl lastet auf der neuen Regierung der Verdacht, in historischen Dingen unbedarft zu sein. Die Zurückhaltung des sonst so forschen Kanzlers bei all jenen Anlässen, wo wirklich das Wort zählt und nicht die Floskel, verwirrt. In der zentralen Debatte des Parlaments zum Holocaust-Mahnmal schwieg Schröder. Seine Interview-Äußerungen zu diesem Projekt waren dürftig, einige Passagen gar missverständlich. Selbst in der Außenpolitik schlagen sich derartige Verfehlungen bereits nieder. Der neue israelische Ministerpräsident Ehud Barak war nach Amtsantritt selbstverständlich in Washington und London. Mit Bonn oder Berlin telefoniert er allerdings lieber. Und nun der Tod von Bubis. Wie der deutsche Kanzler auf ein solches Ereignis reagieren soll, schreibt ihm kein Protokoll vor. Der Beerdigung nicht beizuwohnen, ist keine Pflichtverletzung. Aber ein Kanzler, der nicht spürt, was er in diesem Fall zu tun hat, darf sich nicht wundern, wenn das Unbehagen über seine Politik wächst. Weltweit.

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