Politik : „Der Kanzler handelt kurzsichtig“

Hamburgs Erzbischof Thissen über Angst, Arbeitslosigkeit, Frieden und das, was die Kirche der Politik voraus hat

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Herr Erzbischof, Sie haben Ihr Amt in einer schwierigen Zeit angetreten, wir stehen möglicherweise vor einem Krieg, die Menschen haben Angst. Hat die Kirche auch Angst?

Es ist ja eine Kirche aus Menschen und von daher hat sie natürlich auch Teil an den Ängsten und Nöten der Menschen. Umso mehr ist die Kirche verpflichtet, ihre Position – ihre Friedensposition – ins Gespräch zu bringen.

Ins Gespräch zu bringen? Da lässt sich an den Besuch des Gesandten des Papstes in Washington anknüpfen. Besteht berechtigte Hoffnung, dass dieser Besuch etwas bewirkt?

Es fällt ja auf, dass der Papst eine enorme diplomatische Tätigkeit entwickelt. Er hat seinen Gesandten nicht nur zu Bush geschickt, er hat seinen Gesandten auch zu Saddam Hussein geschickt. Er hat selbst viele führende Politiker aus unterschiedlichen Staaten empfangen. Es geht dem Papst darum, denen, die am Entscheidungsprozess beteiligt sind, ins Gewissen zu reden, dass Krieg keine Lösung ist; dass Krieg die Probleme eher verschärft, als dass er etwas löst.

Wobei doch auch er einen Krieg im allerletzten Moment für möglich hält?

Der Papst setzt auf die Vereinten Nationen, weil er in ihnen ein Instrumentarium sieht, die Völkergemeinschaft zusammenzubinden. In der Charta der Vereinten Nationen steht deutlich drin, dass Gewalt kein Mittel zur Lösung von Konflikten ist. Es steht dort aber auch, dass im äußersten Fall der Sicherheitsrat der UN zu entscheiden hat, was bei einer so starken Bedrohung zu geschehen hat, dass die Bedrohten sich selbst ihres Lebens nicht mehr sicher sein können. Das ist dort klug geregelt, ohne dass es zu einer Automatik des Krieges kommen muss. Die Geschäftsordnung der UN ist klug, darauf setzt der Papst. Das hat im Äußersten auch die Möglichkeit eines Krieges in sich, aber eben nur als allerletzte Möglichkeit.

Das heißt, in dem Fall wäre es rechtmäßig. Also auch ein gerechter Krieg?

Das Wort vom gerechten Krieg mag ich nicht, denn das ist mit zu viel historischem Ballast versehen. Wir haben in der deutschen Bischofskonferenz ein Papier herausgegeben, das heißt „gerechter Frieden“. Darum muss es uns gehen. Voraussetzungen zu schaffen, dass Menschen auf der ganzen Welt in Frieden leben können. Davon sind wir – das verschleiert das IrakProblem ein wenig – noch enorm weit entfernt. Es gibt auch viele andere Krisengebiete. Wenn ich an Palästina denke, wenn ich an den ganzen Nord-Süd-Konflikt denke. Das ist ja, wenn man es auf den Punkt bringt, ein Aberwitz, dass in der Nordhälfte der Welt Menschen zu früh sterben, weil sie zu viel essen, und in der Südhälfte sterben sie, weil sie zu wenig zu essen haben.

Ist die jetzige Friedensmission eine Chance für die Kirche, sich wieder mehr im Leben der Menschen abzuspielen? Findet die Kirche zu einer neuen, alten Aufgabe?

Ich würde es mal nicht als eine Chance für die Kirche sehen, sondern als eine Chance für die Menschen, wenn die Kirche ihren Einfluss geltend macht, um mit allen ihren Möglichkeiten für den Frieden einzutreten. Dass das bei vielen Menschen auch viel Zustimmung findet und dass Menschen in Krisenzeiten nachdenklicher werden und damit auch eher ihren Blick auf die Kirche lenken, ist wahr. Aber es sollte jetzt nicht eine Krisensituation als Chance für die Kirche gewertet werden. Ich bin froh, wenn die Krise vorbei ist.

Dennoch ist es doch gut, wenn man eine Aufgabe erhält, die sonst niemand erfüllen kann.

Das ist immer Aufgabe der Kirche, die sie im Laufe der Jahrhunderte mal mehr, mal weniger wahrgenommen hat. Ich finde es beachtlich, wie der Papst das jetzt tut. Ich selbst bin von der Bischofskonferenz der Verantwortliche für das bischöfliche Hilfswerk Misereor und habe von daher direkte Kontakte in den Irak. Zum Nuntius dort, dem Vertreter des Papstes, und auch zum Bischof von Basra, und so kommt mir vor Augen, was das jetzt schon für die Zivilbevölkerung bedeutet, in dieser Unsicherheit und mit diesen Sanktionen zu leben. Und was das für eine humanitäre Katastrophe wäre. Und zwar nicht nur für den Irak, sondern für das ganze Gebiet. Ich habe den Eindruck, der amerikanische Präsident will den Knoten durchhauen. Aber das ist keine Lösung. Denn der durchgehauene Knoten schafft mehr Probleme, als der Knoten, an den man rangeht, um ihn – mit großer Entschiedenheit, das schon auch – aber auch mit langem Atem zu lösen. Es ist doch so: der Golfkrieg hat weniger Massenvernichtungswaffen zerstört, als jetzt die zeitaufwändige, auch oft sehr ärgerliche Arbeit der Inspekteure. Das entschiedene, langfristige, politische, diplomatische, kontrollierende Handeln zahlt sich aus.

Wie kann die Kirche hier anders als die Politik handeln? Welche Möglichkeiten hat sie, welche Kraft, Position zu beziehen, mitzuwirken?

Die Kirche hat zwei Chancen, die die Politik so nicht hat, oder die die Politiker einzelner Länder so nicht haben. Ein Politiker ist für sein Land verantwortlich und schaut vor allen Dingen auf sein Land. Die katholische Kirche ist Weltkirche, es gibt kein größeres Gebiet, wo nicht katholische Christen leben. So kommt es ganz von selbst, dass die Kirche in jedem Land, und dass jeder einzelne Christ auf das Ganze der Welt schaut. Das kommt bei den Politikern oft zu kurz. Die sehen oft weniger das Ganze. Ein zweiter Grund, der mir aus aktuellem Anlass besonders auffällt: Der Papst und die Bischöfe müssen sich nicht alle paar Jahre so verhalten, dass sie wiedergewählt werden – das muss nicht immer ein Vorteil sein. Aber in diesem Fall ist es ein starker. Das fällt doch am Handeln des Bundeskanzlers auf, dass er sehr kurzsichtig agiert. Da stand die Wahl bevor und er musste etwas sagen, was kurzfristig Stimmen bringt. Ohne darauf zu achten, dass das mittelfristig eine Situation heraufbeschwört, in der die Drohung der USA an Saddam Hussein – diese Drohung halte ich für verantwortlich – dadurch sehr abgeschwächt wird.

Die Deutschen haben aber nicht nur Angst vor einem Krieg gegen den Irak. 4,7 Millionen Menschen sind arbeitslos. Kann die Kirche für den Frieden in der Gesellschaft etwas leisten?

Also die Kirche kann wohl nicht das geplatzte Bündnis für Arbeit wieder in Gang setzen. Aber wenn ich an die Aussagen des zweiten vatikanischen Konzils denke, da ist ja nun die Frage nach Recht auf Arbeit deutlich entfaltet. Nicht nur im Hinblick auf das finanzielle Auskommen, sondern auch im Hinblick auf Entfaltung des Menschen. Die Kirche hat auch die Pflicht, das anzumahnen. Ich frage mich, wo ist denn überhaupt sonst die Lobby der Arbeitslosen. Die, die Arbeit haben, haben die Gewerkschaften. Und dieser unselige Satz eines Gewerkschaftsführers: „Wir sind für diejenigen da, die Arbeit haben und nicht für die, die keine haben“, der macht ja doch etwas deutlich. Und da muss die Kirche die Stimme erheben.

Wie könnten denn die verschiedenen Stimmen der Kirche zusammenkommen? In Berlin findet der erste ökumenische Kirchentag statt. Was trennt und was lässt sich überwinden?

Die Gemeinsamkeit zwischen den Christen ist unübersehbar im praktischen Tun und sie ist theologisch gut begründbar dadurch, dass wir alle getauft sind. Das ist die Basis und von daher gehen wir behutsam entschiedene Schritte auf die volle Einheit zu. Die haben wir noch nicht, deshalb können wir auch nicht so tun als ob. Das Zeichen der Einheit ist die Eucharistie – das Abendmahl. Und es gibt ja ein starkes Drängen, dass wir das doch zusammen tun, da sage ich: Das tun wir nicht. Denn das wäre Etikettenschwindel, und in religiösen Dingen so tun als ob, ist tödlich. Dann verliert das Ganze die Glaubwürdigkeit. Da sind wir uns weitgehend auch mit der evangelischen Kirchenleitung einig. Wir sind uns ganz einig darin, dass in Berlin keine gemeinsame Abendmahlfeier stattfinden wird, dass wir aber vieles zusammen machen an Gottesdiensten, an Diskussionen, an Begegnungen, und je mehr wir so etwas tun, desto mehr werden wir emotional zusammenwachsen.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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