• Der Kanzler ist gegen feindliche Übernahmen - und schwieg, als Daimler-Benz seinen amerikanischen Erwerbungen die deutsche Unternehmenskultur aufdrängten

Politik : Der Kanzler ist gegen feindliche Übernahmen - und schwieg, als Daimler-Benz seinen amerikanischen Erwerbungen die deutsche Unternehmenskultur aufdrängten

Arnaud Leparmentier

Ganz Deutschland jubelt über die Rettung von Holzmann durch Gerhard Schröder. Für Zigtausende rückt das Gespenst der Arbeitslosigkeit wieder in die Ferne. Aber im Ausland reibt man sich die Augen. Was ist aus dem Kanzler geworden, der stets die Innovations-Hymne angestimmt hatte? Und was ist in BDI-Chef Henkel gefahren, dass er plötzlich den Staatsinterventionismus feiert? Gewiss beruft sich Herr Henkel auch da auf das Vorbild USA: Hat nicht der Staat vor zwanzig Jahren Chrysler gerettet?

Die Deutschen müssen sich zurückhalten, ihre Nachbarn Liberalismus zu lehren, wenn sie daheim das Gegenteil praktizieren. In Deutschland gehört es zum guten Ton, Lionel Jospins Wirtschaftspolitik schlecht zu reden. Doch wer ist der wahre Etatist: ein französischer Regierungschef, der privatisiert, oder ein deutscher, der interveniert, wie Schröder schon früher bei der Salzgitter AG?

Deutschland schließt sich in einer heiligen Allianz zur Holzmann-Rettung zusammen: welch schallende Ohrfeige für die kleinen und mittelständischen Unternehmen in einem Sektor mit Überkapazitäten! Sie müssen ihre Pleiten ohne Medienecho durchleiden. Und welchen Eindruck macht es auf die Konkurrenten in Europa, deren Beschäftigte Gehaltseinbußen hinnehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben, und denen der Weg auf den deutschen Markt so erschwert wird.

Aufschlussreich sind die Reaktionen auf das Übernahmeangebot der Vodafone an Mannesmann. Der Kanzler ist gegen feindliche Übernahmen - aus Rücksicht auf die Unternehmenskultur. Keinen Ton hat man von ihm gehört, als Daimler-Benz und Deutsche Bank ihren Erwerbungen in den USA die deutsche Unternehmenskultur aufdrängten. Ach ja, es geschah im Geist der freundlichen Übernahme. Vergessen hat Schröder offenbar auch, dass er kürzlich die Deutsche Telekom unterstützte, als die profitieren wollte vom Versuch Olivettis, die Telecom Italia feindlich zu übernehmen. Natürlich, Deutschland hätte sich auch da in der schönen Rolle des Retters der Telecom Italia gefallen vor der Olivetti-Agression ...

Und nun will Schröder die Kleinaktionäre vor Fusionen schützen und ihnen einen Anspruch einräumen, Bargeld für ihre Anteile zu erhalten und nicht andere Aktien, wie Vodafone das anbot. Das käme einem Verbot von Fusionen gleich: In den Zeiten des Shareholder-value hat kein Unternehmen genug Geld flüssig, um Konkurrenten aufzukaufen. Auch das ist schlecht geheuchelt, es geht um nationalen Schutz. - Seit kurzem zeigt Deutschland sein wahres Gesicht: liberal nur nach außen, innerhalb seiner Grenzen hingegen protektionistisch. Verzweifelt versucht es einen rheinischen Kapitalismus zu verteidigen, der im Sterben liegt.Der Autor ist Korrespondent der französischen Zeitung "Le Monde". Aus dem Französischen von Christoph von Marschall.

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