Politik : „Der Kas is bissen!“

Die CSU ist enttäuscht über den Wahlausgang – und rätselt weiter über die Pläne ihres Ministerpräsidenten

Mirko Weber[München]

Größtes Gejohle bei der CSU in München, als Franz Müntefering bei der SPD in Berlin Gerhard Schröder noch einmal zum Kanzler ausruft. Aber das ist auch schon die stärkste Gemütsäußerung an diesem Abend, der Punkt 18 Uhr vergleichsweise schlecht begonnen hat für die Union insgesamt. Sofort nämlich macht in der Münchner CSU-Zentrale ein Satz die Runde: „Der Kas is bissen“, was nichts anderes heißt, als dass es genau so wenig reicht für Union und FDP wie beim letzten Mal, als Edmund Stoiber angetreten war, Bundeskanzler zu werden. Nur dass diesmal nicht nur 6000 Stimmen fehlen, sondern über zwei Prozent im Vergleich. Erfüllt das jemanden hier mit Genugtuung?

Kaum. Weil sich die Partei-Granden bis zu einem Signal aus Berlin verzogen haben, wie die Situation einzuschätzen sei, obliegt es zunächst Winfried Scharnagel, dem ehemaligen Chefredakteur des „Bayernkurier“, ein wenig abzurechnen. Aber es steht nicht Angela Merkel im Mittelpunkt seiner Analyse, sondern es sind zunächst die Meinungsforscher, auf denen Scharnagel herumhackt. Wer so viel „Unwahrheiten“ verbreitet habe in den letzten Monaten, dem rate er, Scharnagel, doch den Laden zuzusperren. Ja, eigentlich „müssten sie alle schließen“. Scharnagel ist hoch auf der Palme. Und die Wahl, „mei die Wahl“. Ein Gutes, sagt Scharnagel, habe die ganze Sache doch: „Gerhard Schröder ist auf jeden Fall weg.“ Was dies aber genau bedeutet, das weiß auch Scharnagel nicht zu sagen, und so macht sich erst einmal Ratlosigkeit und, ja, Enttäuschung breit in der Münchner Lazarettstraße. Zwar hatte keiner in der CSU mit einem grandiosen Erfolg gerechnet, wie es die absolute Mehrheit in den Umfragen vor Monaten verheißen hatte, ein knapper Sieg war aber doch erwartet worden. Die CSU selber mochte nicht ernsthaft geglaubt haben, die Partei könne im Bund noch einmal die 58,6 Prozent der Stoiber-Wahl erreichen, und so ist Markus Söder, der Generalsekretär, zufrieden, dass Bayern einen so „enormen Beitrag geleistet hat“, es sind nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis etwas unter 50 Prozent für die CSU, die SPD kommt in Bayern auf 25,5 Prozent.

Mit dem schwer deutbaren Berliner Wahlergebnis haben sich in München natürlich nicht die Spekulationen erledigt, was aus Edmund Stoiber wird, denn Stoiber sagt in Berlin, er sei bereit, „in schwierigen Zeiten Verantwortung zu übernehmen“. Heißt das jetzt, dass er in Berlin zur Verfügung steht, in welcher Konstellation auch immer? Oder heißt das, dass er die Republik weiterhin für die Union vom Rand absichern will, wie das die CSU mit ihrem respektablem Wahlergebnis auch diesmal geschafft hat. Die CSU-ler in der Münchner Zentrale wissen die Aussage genauso wenig zu deuten, wie sie in den vergangenen Monaten zu sagen wussten, was ihr Ministerpräsident eigentlich will.

Kurz nach Schließung der Wahllokale gaben mehrere CSU-Größen den Spekulationen eine neue Richtung. Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf macht sich wie sein Parteifreund Hans Zehetmair für ein schwarz-gelb-grünes Regierungsbündnis stark. Eine große Koalition sei „die schlechteste Lösung“, sagte Schnappauf. Schwarz-Gelb-Grün wäre besser, wenn die Grünen in der Lage wären, sich in einigen Punkten inhaltlich und personell zu erneuern.

Auch Erwin Huber, Chef der Bayerischen Staatskanzlei, schloss die Möglichkeit einer unionsgeführten Ampelkoalition mit FDP und Grünen nicht grundsätzlich aus. Er könne sich mehrere Koalitionsmöglichkeiten vorstellen, sagte Huber auf der CSU-Wahlparty in München. „Denkbar sollte alles sein“, sagte der enge Vertraute von Parteichef Edmund Stoiber auf die Frage, ob dies auch die Möglichkeit einer Koalition mit den Grünen einschließe. Auf Huber könnte es am Ende zulaufen, sollte Stoiber Bayern verlassen. Darauf aber hatte sich der Niederbayer auch schon bei der letzten Wahl Hoffnungen gemacht, die schnell begraben werden mussten. Jetzt wird es lange dauern, bis auch die CSU weiß, wo sie eigentlich steht. Unterschwellig grummelt es in der Partei, dass die Kandidatin aus den Vorgaben, die soviel günstiger gewesen seien als damals bei Stoiber, so wenig gemacht habe. Die Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten beim Zustandekommen des Wahlergebnisses wird freilich vorerst nicht erörtert. War da was?

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