Politik : Der Klimawandel ist unbezahlbar

Ökonom sieht Welt wegen Umweltschäden vor Superrezession / größte Öko-Wirtschaftsstudie

Matthias Thibaut[London]

Wenn weiter nichts gegen den Klimawandel getan wird, stürzt die Welt in die schwerste Rezession der neueren Geschichte, die mehr kosten wird als beide Weltkriege zusammen, weite Teile der Welt unbewohnbar und Hunderte Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen wird. Aber ein entschlossenes globales Aktions- und Investitionsprogramm könnte diese Kosten dramatisch reduzieren. Dies ist die Essenz eines am Montag in London veröffentlichten und mit Spannung erwarteten 700-Seiten Berichts über die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels.

Der Autor, Sir Nicholas Stern, argumentiert, dass die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels für einen Bruchteil der genannten Kosten, etwa ein Prozent des globalen Bruttosozialprodukts, vermieden werden können. Ein solches Programm könnte sogar neue Wachstumsanreize bieten. Politisch brisant ist, dass Sterns Bericht das zentrale Argument der amerikanischen Regierung gegen eine Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls auf den Kopf stellt. US-Präsident George Bush geht bisher davon aus, dass Klimapolitik die Wirtschaft schädigt und internationale Klimavereinbarungen eine Verschwörung gegen die amerikanische Wirtschaftsmacht sind.

Der Bericht wurde im Juli 2005 vom britischen Schatzkanzler Gordon Brown bei Sir Nicholas Stern in Auftrag gegeben, einem früheren Wirtschaftsprofessor, Weltbank-Ökonomen und seit 2003 Berater im britischen Schatzkanzleramt. Er gilt schon jetzt als die umfassendste Wirtschaftsstudie zum Klimawandel.

Vergangene Woche informierte Stern das britische Kabinett von seinen Erkenntnissen. „Stern ließ niemanden im Zweifel, dass Nichtstun keine Option ist“, so ein Kabinettsmitglied der britischen Sonntagszeitung „Observer“. Auch die britische Umweltministerin Margaret Beckett stützte sich auf den Bericht, als sie vergangene Woche Deutschland aufforderte, dem Klimawandel höchste Priorität bei seiner Doppelpräsidentschaft von EU und G8 im nächsten Jahr zu geben. „Dies ist nicht nur ein Umweltproblem. Es ist ein Problem für diejenigen, die mit Wirtschaft und Entwicklung, Konfliktverhinderung, Landwirtschaft, Haushaltspolitik, Verkehr, Innovation, Handel und Gesundheit zu tun haben“, sagte Beckett.

Der Bericht gibt nach den bisher durchgesickerten Informationen zwei alternative Szenarien: eine rasche globale Offensive gegen steigende Umweltverschmutzung, die rund 350 Milliarden Dollar kosten würde – oder eine katastrophale Rezession und Kosten von knapp sieben Billionen Dollar. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde offensichtlich mit Blick auf die UN-Klimaverhandlungen kommende Woche in Nairobi gewählt.

Aber auch in Großbritannien wirft der Bericht Schatten. Premier Blair, dessen Klimaerfolge an der Heimatfront Experten eher skeptisch einschätzen, steht unter Druck, ein Gesetz einzubringen, das jährliche verbindliche Klimaziele vorsehen würde. Die Konservativen wollen die Aufsicht darüber einer unabhängigen Kommission übertragen. „Ein solches System würde den Preis für CO2 in der Wirtschaft definieren und dafür sorgen, dass teurer wird, was mehr CO2 produziert“, sagte Parteichef David Cameron.

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