Politik : Der König dankt ab

Ralf Hübner

Für Wehmut war kein Platz. Und doch übertünchte die heitere Geschäftigkeit die Abschiedsstimmung nicht. Wie eine Schulklasse vor der letzten Unterrichtsstunde versammelte sich die sächsischen Kabinettsminister mit ihrem Professor scherzend zum Klassenfoto. Noch einmal hat Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) einen Berg Akten vor sich aufgetürmt, gleich würde Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) mit der Kabinettssitzung beginnen, wie immer dienstags, wie schon 457 Mal zuvor.

Damals hatte für Kurt Biedenkopf das Abenteuer Sachsen erst begonnen. Wie Biedenkopf Ministerpräsident wurde, ist längst Legende. Um Mitternacht hatte Lothar Späth (CDU) im August 1990 angerufen, mit der Frage, ob er als Ministerpräsident in Sachsen zur Verfügung stehe. Da hat er nicht lange überlegt. Biedenkopf, der nach seinem Desaster in Nordrhein-Westfalen auf dem politischen Abstellgleis stand, bescherte die Wahl einen zweiten Frühling. Die Sachsen zehrten vom Renommee ihres Ministerpräsidenten.

Die Befürchtung, das gestörte Verhältnis Biedenkopfs zu seinem Intimfeind, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), könne sich nachteilig auswirken, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil. Biedenkopf sicherte diese Gegnerschaft bundesweites Interesse. Sachsen, das Land, in dem die Wiege der Industriellen Revolution in Deutschland stand, musste plötzlich alimentiert werden. Es war unbedeutend geworden, was auch ganz persönlich als demütigend empfunden wurde. Die permanente Medienpräsenz Biedenkopfs aber konnte dieses Gefühl von Minderwertigkeit auffangen. Es war ihr Ministerpräsident, der sächsische, der sich da eine eigene Meinung leistete. Biedenkopf habe den Sachsen das Selbstbewusstsein zurück gebracht, wird es später heißen. Erst mit dem Abgang Kohls begann auch sein Stern zu sinken, kamen die Affären, deren Ursprung teilweise schon lange zurück lag.

Beinahe gebetsmühlenhaft verhieß Biedenkopf den Sachsen die Rückkehr zu alter Herrlichkeit, wenn das tiefe Tal Anfang der 90-er Jahre, als die Industrie großflächig wegbrach, erst einmal durchschritten sei. Die Sachsen glaubten ihm. Biedenkopf war der Hoffnungsträger, der bei Betriebsschließung durch die Treuhand auf Seiten der Demonstranten stand, und spätestens 1993 im Zuge von Sanierungsarbeiten auf Anordnung des Denkmalschutzes die Staatskanzlei eine goldene Krone aufgesetzt bekam, wurde er zum "König Kurt" gekürt, was er sich als Zeichen der Zuneigung nur zu gern gefallen ließ.

Über die Schwierigkeit des Weges beim Aufbau Ost war sich Biedenkopf bald im Klaren. Bereits frühzeitig sprach er von einem Aufholprozess, der 20 Jahre dauern könne. Zu den Verdiensten Biedenkopfs gehört, mit seiner Person Sachsen politisch stabil gehalten und durch eine so genannte Leuchtturmpolitik die wirtschaftliche Konsolidierung vorangebracht zu haben.

Jetzt hat Biedenkopf seine Bücherkisten gepackt, die Regale in seinem Arbeitszimmer sind leergeräumt. Er wird seine letzte Regierungserklärung abgeben, zurücktreten, und am Donnerstag seinem designierten Nachfolger Georg Milbradt (CDU) die Geschäfte übergeben. Die Enttäuschung über diesen unerwünschten Wechsel scheint langsam verwunden. Bücher will er schreiben und Vorträge halten. In Sachsen bleibt er dennoch - als Abgeordneter des Landtags.

Schirmherr und Patenonkel

(dpa) Auch als Ministerpräsident a.D. bleibt Kurt Biedenkopf ein beschäftigter Mann. Nach seinem Rücktritt an diesem Mittwoch hat der CDU-Politiker zahlreiche Ämter neu zu ordnen. Den Vorsitz im Bundesratsausschuss für Auswärtige Angelegenheiten verliert er mit seinem Abgang automatisch. Über andere Posten wie seine Mitgliedschaft in den Vorständen der Deutschen Nationalstiftung Weimar und des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft hat Biedenkopf dem Vernehmen nach noch nicht entschieden. Gleiches gilt für Biedenkopfs Vorsitz im Aufsichtsrat der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen. Den könnte er nach der Satzung des Gremiums noch bis zum Jahr 2006 leiten.

Ob diverse Festivals und Festivitäten wie die "1000-Jahr-Feier" in Bautzen per 17. April ohne Schirmherrn da stehen, liegt gleichfalls im Reich der Spekulationen. Biedenkopfs Ehefrau Ingrid scheint bei den Schirmherrschaften entschlossener. Sie will diese Funktionen aufgeben, weil sie ohne eigenes Büro nicht vernünftig zu machen sind. Das aus der Staatskasse finanzierte Bürgerbüro Ingrid Biedenkopfs beendet zeitgleich mit dem Rücktritt die Arbeit. Eine amtliche Angelegenheit hat Biedenkopf bereits geregelt. Er bleibt Patenonkel für jene Drillingskinder in Sachsen, die in der Zeit zwischen dem 1. Januar 1988 und dem Tag seines Rücktritt auf die Welt gekommen sind - bis dato 339 Kinder

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