Politik : Der Konflikt im Kaukasus bedroht Russland. Die Islamisten sind so entschlossen wie nie

Elke Windisch

Angesichts russischer Bombenschläge von einem neuen Krieg gegen Tschetschenien zu sprechen, ist nur im rein militärischen Sinn richtig. De facto befinden sich Moskau und Grosny seit 1991 im Krieg. Als der moskauhörige tschetschenische Parteichef Doku Sawgajew im August 1991 die Putschisten in Moskau seiner Unterstützung versicherte, setzte ihn der Allgemeine tschetschenische Nationalkongress kurzerhand ab.

Dessen Führer, Dschochar Dudajew, der erste und bislang einzige Tschetschene, der es in der Sowjetarmee zum General gebracht hat, proklamierte Mitte September 1991 die Unabhängigkeit Tschetscheniens von Moskau. Dudajew tat damit nur, wozu der im Juni zum russischen Präsidenten gewählte Boris Jelzin die autonomen Republiken ausdrücklich ermuntert hatte: "Nehmt euch so viel Souveränität wie ihr verkraften könnt." Dennoch befahl Jelzin im November den Einmarsch der Armee, um den abtrünnigen Vasallen heim ins Reich zu holen. Doch das Parlament kassierte tags darauf den Erlass und plädierte für Verhandlungen.

Die fanden nicht statt. Dafür verfügte Moskau 1992 den Abzug aller russischen Truppen aus der Rebellenrepublik. Weitgehend ohne Waffen. Die hatten korrupte Generäle an Dudajew für ein Butterbrot verscherbelt. Beobachter warnten bereits damals, dass russische Waffen sich in Tschetschenien über kurz oder lang gegen Russen richten würden. Und sie behielten Recht.

Im Oktober 1993 löste Jelzin das renitente Parlament mit Waffengewalt auf und erklärte sich mit der neuen Verfassung de facto zum absoluten Monarchen. Kritiker behaupten, nach dem Debakel bei der Privatisierung des Staatseigentums und der allgemeinen Verelendung sei der Kreml zu einem kleinen siegreichen Krieg gezwungen gewesen, um von den eigentlichen Problemen des Landes abzulenken. Tschetschenien bot sich dafür scheinbar geradezu an.

Obwohl Präsident Dudajew mit eiserner Faust regierte, wuchs der Widerstand gegen ihn, zumal das Land schwer an der von Russland verhängten Wirtschaftblockade trug. Eigentlicher Zankapfel der Clans aber, die seit Jahrhunderten blutige Fehden um die Macht austragen, waren die Transitgebühren für das Kaspi-Öl zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk.

Moskau indes sah in völliger Verkennung der Realitäten die Clanfehde als Kampf zwischen Gut und Böse und rüstete folgerichtig die Gegner Dudajews auf. Erst als diese Ende November 1994 beim Sturm auf Grosny kläglich Schiffbruch erlitten, dämmerte dem Kreml, dass man, was zahlenmäßige Stärke und realen Einfluss der Dudajew-Opposition anbelangt, einem grandiosen Bluff aufgesessen war.

Nun blieb Moskau nichts weiter übrig, als mit eigenen Einheiten "die verfassungsmäßige Ordnung" in der abtrünnigen Republik wiederherzustellen. Das allerdings gelang trotz elftausend toter russischer Soldaten, über 80 000 Opfern unter der tschetschenischen Zivilbevölkerung und dreier von Moskau eingesetzten Marionettenregierungen nicht. Schlimmer noch: eine spektakuläre Geiselnahme im südrussischen Budjonnowsk im Juni 1995 zwang Moskau an den Verhandlungstisch.

Im Sommer 1996 musste Moskau mit dem Waffenstillstand von Chassavjurt de facto die Unabhängigkeit Tschetscheniens anerkennen. Und im Januar 1997 die Wahl des tschetschenischen Armeeoberbefehlshabers Aslan Maschadow zum Präsidenten hinnehmen. Bis zuletzt hatte Moskau gehofft, die Tschetschenen würden sich für den Attentäter von Budjonnwsk, Schamil Bassajew, entscheiden, um einen Vorwand für einen neuen Waffengang zu haben. Dass die Tschetschenen damals politische Reife bewiesen, nützte ihnen wenig. Anstatt den gemäßigten Maschadow allmählich als Verbündeten zu gewinnen, setzte Moskau auf dessen Demontage.

Bis heute warten die Tschetschenen auf die von Russland vertraglich zugesicherten Entschädigungen für die Kriegsverwüstungen. Deren Ausbleiben lasten die einstigen Feldkommandeure, die sich nie entwaffnen ließen, Maschadow an, der gegenwärtig faktisch nur noch ein Drittel der Republik kontrolliert. Ein idealer Nährboden für die alten innertschetschenischen Machtkonflikte, die, durch den Einmarsch der Russen nur vorübergehend in den Hintergrund gedrängt, nun erneut aufbrachen.

Mit nie da gewesener Vehemenz: Freiwillige aus dem Nahen Osten, die während des Krieges auf Seiten der Tschetschenen kämpften, verbreiteten aggressiv einen radikalen Islam, der teilweise im krassen Widerspruch zu den herkömmlichen Rechtsaufassungen im Nordkaukasus stand, wodurch neue Gräben entstanden. Endziel der radikalen Islamisten ist ein islamisches Weltreich, in dem die Nationen in der Umma - der Weltgemeinschaft aller Gläubigen - aufgehen.

Die - von Maschadow verurteilte - Generalprobe dafür fand im Sommer in Dagestan statt, wo auf Grund ungelöster sozialer Probleme latente Sezessionsbereitschaft besteht. Erklärtermaßen will Moskau mit seinen Bombenschlägen gegen Tschetschenien mit den Extremisten aufräumen. Erreicht wird damit eher das Gegenteil: eine neue Einheitsfront der Tschetschenen gegen den Aggressor und womöglich der definitive Verlust Tschetscheniens. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

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