Politik : Der Konvertit, das unbekannte Wesen

Die Debatte um Übertritte zum Islam stützt sich auf kaum nachprüfbare Zahlen – Experten halten Ängste für überzogen

Tanja Buntrock,Andrea Dernbach

Berlin - Schon Anfang des Jahres warnte der Innenminister vor dem neuen inneren Feind: Die wachsende Zahl von Menschen, die zum Islam konvertierten, habe „etwas Bedrohliches“, sagte Wolfgang Schäuble in einem Interview der „Welt“ und sprach im gleichen Atemzug von „Terrorismus, der auf unserem eigenen Mist“ wachse. Das trug ihm nicht nur massive Kritik der muslimischen Verbände ein. Schäubles Mutmaßungen, so zeigte sich bald, auch einen entscheidenden sachlichen Haken: Die Zahlen, die zum Thema kursieren, sind nach Ansicht von Forschern und muslimischen Organisationen wenig seriös. Sie stammen meist vom „Islam-Archiv“ im nordrhein-westfälischen Soest, das sich selbst als älteste islamische Einrichtung im deutschsprachigen Raum bezeichnet, nach Einschätzung der „Zeit“ allerdings vor allem ein „pseudowissenschaftlicher Einmannbetrieb samt ein paar Hiwis“ ist.

Das Institut, dessen Umfragen vom Bundesinnenministerium finanziell unterstützt werden, tritt regelmäßig mit neuen Zahlen über neue deutsche Muslime an die Öffentlichkeit, die angeblich bei den Verbänden erhoben wurden. Die freilich bestreiten meist, sie geliefert zu haben. Im April 2001 etwa hieß es in Zeitungsberichten unter Berufung auf das Soester Archiv, in den zwölf Monaten zuvor sei die Zahl der Muslime um 160 000 gestiegen. Im Dezember 2005 vermeldete Soest, erstmals seien innerhalb eines Jahres mehr als tausend Deutsche Muslime geworden. Und im April 2007 war von 4000 neuen Muslimen die Rede, angeblich viermal mehr als im Vorjahr.

Es ist allerdings nicht nur ein Problem der richtigen, seriösen Methode festzustellen, wer Muslim ist oder wird. Muslime landen nicht automatisch in deutschen Statistiken, während die Mitglieder der großen Kirchen schon beim Finanzamt penibel registriert werden. Schließlich zahlen sie Kirchensteuer. Das tun Muslime nicht, und sie treten dem Islam auch nicht in amtlich verwertbarer Weise bei. Um Muslim zu werden, genügt es, das Glaubensbekenntnis vor zwei Zeugen zu sprechen. Die Leipziger Forscherin Monika Wohlrab-Sahr, die sich ausführlich mit Konvertiten und ihren Motiven beschäftigt hat, hält die Verbindung von Konversion und Gewalt ohnehin für einen Kurzschluss: Die Mehrheit seien Frauen, das Motiv meist die Heirat mit einem Muslim. Bei den Gewalttätern unter ihnen sei der Islam nicht mehr als ein Vorwand: „Es gibt radikalisierte politische Biografien, die sich ihr Material suchen, wo sie es finden.“

Einer, der sich mit der Psyche von Konvertiten auskennt, ist Hadayatollah Hübsch, Freitagsprediger in der Nuur-Moschee in Frankfurt am Main. 1969 ist er selbst zum Islam konvertiert. Hübsch hält es für „zwar schrecklich, aber auch verständlich“, dass Konvertiten nun unter „Generalverdacht“ stünden. Es sei eben deren „generelles Problem“, sagte er dem Tagesspiegel, dass sie „im Feuereifer der Bekehrung meinen, Opfer bringen zu müssen“. „Durch ihre fanatische Haltung geraten viele Konvertiten ins Visier der Ermittler“; zudem praktizierten viele von ihnen die „Taqia“: Sie seien überzeugt davon, dass sie lügen dürften, wenn es dem Islam dient. „Dann ist klar, dass die Ermittler ein Misstrauen zu diesen Leuten aufbauen“, sagt Hübsch. Wie viele so fanatisch sind, dass sie sich zu Terroristen ausbilden lassen, weiß er nicht. „Ich kenne keinen.“. Dass man als Muslim ohnehin unter Generalverdacht stehe, habe er nach den Anschlägen des 11. September erlebt: „Das habe ich 2001 am eigenen Leib erfahren, wie die Leute einen anschauen, wenn man in einem traditionellen Gewand durch die Straße geht.“

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