Politik : Der Krieg am Horn von Afrika ist nur einer von 20 Konflikten auf diesem Kontinent

Christoph Link

Die Gefallenen werden an der Front beerdigt, und die Zahl der eigenen Toten wird erst nach dem Krieg genannt: In Eritreas Hauptstadt Asmara will niemand diesen ungeschriebenen Gesetzen widersprechen, stammen sie doch aus dem 30 Jahre währenden Befreiungskrieg gegen Äthiopien.

Auch Aregay Tesfay rüttelt nicht an diesen Gesetzen, er ist Vater von vier Söhnen, drei davon sind an der Front, manchmal erhält er einen Brief von ihnen. Tesfay arbeitet für die Deutsche Welthungerhilfe in der Betreuung von Flüchtlingen. Für den Krieg hat er nicht viele Worte übrig, nur den Wunsch, dass er endlich vorbei ist. Seit 20 Monaten liefern sich Eritrea und der "große Bruder" Äthiopien einen Krieg um einige Hundert Quadratkilometer Grenzland in der Badme-Ebene, als "sinnlos" wird dieser Krieg gerne bezeichnet, doch mit Vehemenz verteidigen beide Seiten, die zu den ärmsten Ländern der Welt gehören, ihre Argumente.

Schon der Auslöser für diesen Krieg, der auf beiden Seiten insgesamt eine Million Soldaten binden soll, ist heftig umstritten: Im Mai 1998 wurden vier eritreische Offiziere im Grenzland erschossen; die Eritreer reagierten hart mit einer militärischen Besetzung äthiopischen Gebietes. Seitdem haben sich beide Seiten immer wieder hitzige Gefechte und Attacken geliefert, und neue Fronten sind an der Grenzlinie eröffnet worden. Seit Monaten halten sich die feindlichen Armeen mehr oder weniger in ihren Stellungen verschanzt. Der Blutzoll dieses Konfliktes ist hoch. Wer die Front nahe der wegen des Krieges verlassenen Stadt Tsorona besucht, der sieht ein Bild der Zerstörung: zerschossenes Kriegsgerät übersät die Dornensavanne, in rohen Erdhügeln sind angeblich Hunderte Gefallene verscharrt, die Toten der März-Schlacht. Die Nachrichtenagenturen gehen allgemein von mehreren Zehntausend Toten aus.

Bestätigen kann diese Schätzung niemand. Jede Erfolgsmeldung oder jede Nachricht über Gräueltaten wird von der anderen Seite umgehend dementiert: Kurz vor Weihnachten meldete Addis Abeba, dass eritreische Soldaten 17 Afars bei Bokila getötet hätten. Priester, Stammesführer und Jugendliche gleichermaßen seien regelrecht exekutiert worden, weil sie es ablehnten, eritreische Pässe entgegenzunehmen. Asmara reagierte sofort mit einem Dementi, die Vorwürfe seien absurd, es gehe den Äthiopiern nur darum, ein Klima des Hasses zu säen. Die Afars sind eine Volksgruppe, die im Grenzgebiet dreier Länder lebt: Djibouti, Äthiopien und Eritrea.

Der Krieg verändert auch das Bewußtsein der Menschen: "Es ist mehr als Hass, was wir für die Ähtiopier übrig haben", sagt ein stolzer, alter Bauer, ein Vertriebener aus Tigray, der sein Leben lang in Äthiopien verbracht hat und es wegen seiner eritreeischen "Identität" verlassen musste. Man habe ihm alles genommen, sagt der Mann. Aber andere Stimmen im Flüchtlingslager Jejah sind doch der Ansicht, dass eine Versöhnung mit den Äthiopiern und eine Rückkehr in die Heimat wieder möglich sein muss. Man spreche doch die gleiche Sprache, heißt es, und manche äthiopischen Nachbarn hätten beim Abschied geweint.

In Asmara sind zaghafte Ansätze für ein Aufbrechen der Fronten und für eine Kriegsmüdigkeit sichtbar. Seit kurzem wird erstmals eine Jugendzeitschrift herausgegeben mit dem Titel "Unsere Sehnsucht", die "Bravo" Eritreas. Auf braun-grauem Papier und in schlechter Druckqualität geht es vor allem um Liebe, Musik und Themen wie Brustverkleinerung oder Telefonbekanntschaften. Das Aufsehenerregende an "Unsere Sehnsucht": Die Zeitung enthält kein Wort über den Krieg und keine Zeile über Politik oder die siegreiche Revolution von 1993, dem Jahr der Unabhängigkeit von Äthiopien. Und sie verkauft sich gut.

"Keiner will diesen Krieg", sagt beispielsweise der Historiker Tesfai, eigentlich Mitglied der Regierungspartei. Er ist überzeugt, dass beide Seiten sich nicht aus eigener Kraft aus diesem Konflikt befreien können: "Die Welt sollte auf uns schauen, sie sollte uns mehr Interesse widmen."

Doch der Krieg am Horn von Afrika ist nur einer von fast 20 blutigen Konflikten auf diesem Kontinent. Als größter Kriegsherd gilt immer noch die Demokratische Republik Kongo, in der theoretisch zwar bereits ein Waffenstillstand mit den Rebellen gilt und einige UN-Beobachter ihren Dienst als Friedenswächter aufgenommen haben. Fünf Nachbarländer machen im Kongo ihre Wirtschaftsinteressen geltend und haben zum Teil Truppen dort stationiert. Aber auch in Ruanda, Uganda und Burundi flackern die Kämpfe mit Rebellen immer wieder auf. Ein Ende des Krieges ist immerhin in Sierra Leone in Westafrika in Sicht: Dort hat man die Rebellen, die acht Jahre lang das Volk tyrannisierten.

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