Politik : Der Krieg der Verbannten

Vor 60 Jahren ließ Stalin eine Million Tschetschenen deportieren

Elke Windisch[Moskau]

Der 23. Februar ist in Russland für die Armee reserviert. Den einstigen „Tag der Sowjetarmee“ hat Präsident Wladimir Putin vor zwei Jahren als „Tag der Verteidiger des Vaterlandes“ offiziell zum Feiertag erklärt. Kein Wunder, dass die Moskauer Stadtregierung ein Verbot aussprach, als Tschetschenen ausgerechnet für diesen Heldentag eine Gedenkveranstaltung anmeldeten. Denn das Datum hat eine unrühmliche Kehrseite.

Am 23. Februar 1944 schickte Stalin die Tschetschenen – damals eine Million Menschen – nach Kasachstan und Zentralasien in die Verbannung. Rund 500 000 starben beim Transport oder an den katastrophalen Verhältnissen vor Ort. Insgesamt fünf Nordkaukasusvölker wurden 1943/44 deportiert. Angeblich wegen Kollaboration mit der Wehmacht, in Wahrheit als Rache für Aufstände, der letzte 1940, als Moskau Krieg gegen Finnland führte. Wegen Unruhen plante schon Zar Alexander II. in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts die Deportation von Tscherkessen und Tschetschenen ins Osmanische Reich. Doch die kamen dem Plan durch Massenflucht zuvor und kämpften von da an für den türkischen Sultan. Als Wehrbauern siedelten sie in der Osttürkei und im Nahen Osten, der damals noch zur Türkei gehörte. Die kaukasische Diaspora zählt dort heute 18 Millionen und hat Einfluss auf Wirtschaft und Politik. Von dort stammen auch die „Araber“, die heute auf Seiten der tschetschenischen Separatisten kämpfen.

Auch aus Stalins selektiven Deportationen ging eine Drachensaat auf. Die Kaukasier, die sich mit der Sowjetmacht arrangierten, etwa Osseten und Kabardiner, bekamen das Land der rebellischen Tschetschenen, Inguschen, Akkiner, Karatschaier und Balkaren. Konflikte zwischen den Ethnien waren also vorprogrammiert, als Parteichef Nikita Chruschtschow die Verbannten 1957 zurücksiedelte. Offen brachen die Konflikte erst nach dem Ende der Sowjetunion aus.

Nur ein radikaler Wandel der russischen Kaukasuspolitik kann verhindern, dass der Konflikt endgültig zum Flächenbrand eskaliert. Inoffizielle Vorgespräche hat es schon gegeben. Ein Plan sieht Demilitarisierung unter UN-Aufsicht und anschließende freie Wahlen vor. Die neue Regierung soll dann mit Moskau die Bedingungen für die Autonomie aushandeln. Der Plan wird von dem tschetschenischen Untergrund-Präsidenten Aslan Maschadow und von der Parlamentarischen Versammlung des Europarates unterstützt. Nur der Kreml hält nichts davon.

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