Politik : Der Krieg im Nahen Osten eskaliert

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Israel bombardiert Dorf im Libanon: 51 Menschen sterben Hisbollah und Hamas drohen mit Vergeltung Hunderte Libanesen stürmen Vertretung der UN in Beirut

Kana/Jerusalem - Beim blutigsten Angriff seit Beginn der israelischen Offensive im Libanon sind mehr als 50 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter viele Frauen und Kinder. Die Menschen starben unter den Trümmern Dutzender zerstörter Gebäude des südlibanesischen Dorfes Kana, das am Sonntagmorgen zwei Stunden lang von der Armee bombardiert wurde. Libanon brach alle Verhandlungen ab, US-Außenministerin Condoleezza Rice reiste nicht wie erwartet nach Beirut. International herrschte Entsetzen über die Bombardements, der Ruf nach einer Waffenruhe wurde lauter. Israel lehnte dies weiter ab. Die radikalislamischen Organisationen Hisbollah und Hamas drohten mit Vergeltung.

Die israelische Armee beschoss Kana vom Land, vom Wasser und aus der Luft rund zwei Stunden lang. Dutzende Gebäude in dem Dorf wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die meisten Zivilisten fanden den Tod in einem Schutzraum, in den sie kurz nach dem Einschlag des ersten Geschosses geflohen waren. Kurz darauf beschoss die Armee den Schutzraum, der zerstört wurde. Einer vorläufigen Bilanz zufolge starben in Kana 51 Menschen, darunter 24 Kinder. Die Luftwaffe griff Kana während der laufenden Bergungsarbeiten erneut an. Der Ort sei von der Hisbollah für den Raketenbeschuss von Israel genutzt worden, sagte ein Armeesprecher. Die Verantwortung für das Bombardement trage die Hisbollah.

Libanons Ministerpräsident Fuad Siniora setzte alle Verhandlungen aus und forderte erneut eine sofortige Waffenruhe. Der UN-Sicherheitsrat müsse sich in einer Dringlichkeitssitzung mit den Angriffen beschäftigen. Rice fuhr bei ihrer neuen Vermittlungsreise nicht wie erwartet nach Beirut. Der persönliche Vertreter von UN-Generalsekretär Kofi Annan verurteilte die Angriffe und forderte eine internationale Untersuchung. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana erklärte, die Bombardements seien „durch nichts zu rechtfertigen“. Unter anderem riefen Papst Benedikt XVI. und Frankreichs Präsident Jacques Chirac zu einer sofortigen Waffenruhe auf. In der arabischen Welt wurden die Angriffe nahezu einmütig verurteilt. Rice erklärte, es sei „an der Zeit“ für eine Waffenruhe. Zuvor müssten aber die Bedingungen für alle Seiten annehmbar sein. Ähnlich äußerte sich die britische Außenministerin Margaret Beckett. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte eine „schnellstmögliche Waffenruhe“. Zivile Opfer müssten vermieden werden, erklärte er.

Israels Ministerpräsident Ehud Olmert lehnte eine sofortige Waffenruhe weiter ab. Zugleich drückte er sein Bedauern über den Tod von Zivilisten aus. Er versicherte, humanitäre Hilfe zu den Opfern der Angriffe von Kana gelangen zu lassen. Am Samstag hatte Israel eine von der UN geforderte Feuerpause zur Versorgung von Verletzten und für Hilfslieferungen abgelehnt. Die Hisbollah teilte mit, Israel werde „die Konsequenzen seiner Massaker“ tragen. Auch die radikalislamische palästinensische Hamas drohte Israel und nannte das Bombardement von Kana ein „terroristisches Verbrechen“. In Beirut stürmten hunderte aufgebrachte Menschen nach dem Bombardement die UN-Vertretung. AFP

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