Politik : Der Krieg im Paradies

Hans Christoph Buch

Asche in den Straßen von Dili. Die Menschen begraben ihre Toten, besänftigen die Geister und warten auf den Frieden, nachdem sie jahrelang geschunden wurdenHans Christoph Buch

Das Wort Amok kommt aus dem Indonesischen", sagt UN-Sprecher Brian Kelly, ein rothaariger Ire mit Sommersprossen, der im nordaustralischen Darwin die auf den Abflug nach Dili wartenden Journalisten akkreditiert. "Aber die Gewalt in Ost-Timor ist alles andere als spontan." Seine Hände zittern, während er spricht. Obwohl das Büro voll klimatisiert ist, steht ihm Schweiß auf der Stirn. "Die Vernichtung von Menschenleben und die Zerstörung der Infrastruktur waren von langer Hand geplant und generalstabsmäßig organisiert." Nach dem Abzug der Wahlbeobachter Anfang September blieb Kelly allein auf Ost-Timor zurück, um die auf dem Gelände der UN-Mission Schutz suchenden Menschen nicht im Stich zu lassen. Während pro-indonesische Milizen Dili in Brand setzten, Tausende töteten und Hunderttausende nach Westtimor vertrieben, berichtete Kelly am Telefon von den Ausschreitungen. "Mein Name wurde von allen Nachrichtenagenturen zitiert", sagt der gelernte Journalist, der zwei erwachsene Kinder hat. "Auf diese Weise erfuhr meine Frau, dass ich noch am Leben war." - "Hatten Sie keine Angst?" - "Die Angst kommt immer erst zeitversetzt."

Anflug auf Dili. An Bord der C-130 der Australian Air Force sind US-Marines, Soldaten aus Pakistan und Neuseeland, brasilianische Militärpolizisten und Feuerwehrleute aus Lissabon, die Portugal als humanitäre Helfer in seine frühere Kolonie schickt; der vom Sicherheitsrat abgesegnete Einsatz ähnelt dem Turmbau zu Babel, was Logistik und Koordination der multinationalen Friedenstruppe betrifft. Die Pakistani halten ihre Gewehre vorschriftsmäßig mit den Läufen nach unten, während ein US-Marinesoldat das Kinn nachdenklich auf die Mündung seiner M-16 stützt. Unter uns ein von Riffen umrahmtes Atoll, die weiße Brandungslinie, dann kommt die von Sandstrand gesäumte Küste in Sicht, kahle Berge stürzen steil ins Meer. Palmen wiegen ihre Wipfel im Wind, und ich fühle mich in ein von Gauguin gemaltes Paradies der Südsee versetzt, wären da nicht die Sandsäcke und Stacheldrahtrollen, vor denen die Maschine zum Stillstand kommt. Neben der Landebahn sind mit Netzen getarnte Geschütze aufgebaut, über denen das blaue Banner der Vereinten Nationen weht, aber kein Empfangskomitee für Journalisten steht bereit, nur Soldaten in voller Kampfausrüstung, die Wasser aus Plastikflaschen trinken. Einen Schluck Wasser hätte ich jetzt auch gern, denn schon nach wenigen Sekunden bin ich in Schweiß gebadet. Die Hitze hier ist schlimmer als in der australischen Wüste, aber kein Armeekonvoi hält, um Reporter in die Stadt mitzunehmen. Für Zivilisten ist das Militär nicht zuständig, und nach langem Hin und Her chartere ich das einzige Taxi, das es in der zu 90 Prozent zerstörten Stadt noch gibt.

Nach dem Amoklauf der Milizen, der mit Billigung, wahrscheinlich sogar auf Befehl der indonesischen Armee stattfand, sieht Dili aus wie ein tropisches Stalingrad. Asche weht durch die von Schutthalden übersäten Straßen, auf denen kaum Menschen zu sehen sind. Noch vor der Plünderung ihrer Geschäfte sind die chinesischen Händler aus Ost-Timor geflohen, und nach dem erzwungenen Exodus kehrt die Bevölkerung nur zögernd nach Dili zurück, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Der Markt wurde plattgewalzt, und die Feuerwehr betätigte sich als Brandstifter - buchstäblich, und nicht bloß im übertragenen Sinn: Löschwagen übergossen Häuser und Hütten mit Benzin, ehe die Milizen Feuer legten. Vorher hatten die uniformierten Plünderer, unter den Augen der UN, ihre Beute auf Lkw oder Boote verladen und alles Brauchbare, einschließlich der Wellblechdächer, in ihre indonesische Heimat verschifft.

Schlimmer als der Anblick der geschändeten Stadt ist der Zustand der Menschen, die erlebt haben, wie ihr Besitz zerstört und wie ihre Angehörigen ermordet oder verschleppt wurden. Das Wort "traumatisiert" ist allzu abstrakt: Gleich nach meiner Ankunft führen Kinder mich in den Hinterhof eines niedergebrannten Hauses und zeigen auf ein Eisengerüst mit Fleischerhaken, an denen blutverschmierte Jeans und ein zerfetztes Hemd baumeln. Hier wurden Unabhängigkeitsaktivisten und andere, auf schwarzen Listen stehende Personen von Milizionären zu Tode gefoltert und anschließend im benachbarten Brunnen "entsorgt". Als ich mich über den Brunnenschacht beuge, zucke ich zurück beim Anblick der fetten Maden, die wie Kaulquappen auf der Wasseroberfläche wimmeln.

Auf dem Autofriedhof am Meer steht ein Toyota Pickup-Truck, auf dessen Laderampe zehn aneinander gefesselte Menschen bei lebendigem Leib mit Kerosin überschüttet und verbrannt wurden: eine Laokoon-Gruppe, die nicht aus Marmor, sondern aus verkohltem Fleisch besteht. Anwohner haben Geld und Papierblumen auf ihre Asche gestreut, um die Geister der Toten zu besänftigen, deren sterbliche Hülle erst Tage später beigesetzt wird.

Seit 1975 kostete die Fremdherrschaft etwa 260 000 Menschen das Leben; noch einmal so viele werden bis heute gegen ihren Willen in Westtimor festgehalten, fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung von 800 000. Die 24-jährige Okkupation hat die Ost-Timoresen nicht nur ihrer kulturellen Identität, sondern auch ihrer Menschenwürde beraubt. Die neuen Herren gebärdeten sich rassistischer als die alte Kolonialmacht: die polynesische, portugiesisch sprechende, überwiegend katholische Bevölkerung wurde zwangsindonesiert und -islamisiert, mit dem Resultat, dass junge Leute - die Hälfte der Einwohner ist heute unter 18 - nur noch Indonesisch und die Landessprache Tetum, aber kein Portugiesisch oder Englisch mehr verstehen. Nirgendwo in Europa, außer vielleicht im Kosovo, trifft man heute auf Menschen, die so verwahrlost, gedrückt und demoralisiert wirken wie in Ost-Timor, wo sich die Fremdherrschaft, wie in Kafkas "Strafkolonie", sichtbar in die Körper eingeschrieben hat. Und wie im Kosovo haben die Geschundenen das Lachen nicht verlernt und begrüßen UN-Soldaten und Journalisten mit dem zum Siegeszeichen gespreizten Finger und dem Ruf: "Hello Mister!"

Blutrote Buchstaben

Ähnlich wie vormals in Polen hat die katholische Kirche als Hüterin der nationalen und religiösen Identität der Fremdbestimmung getrotzt und dadurch das geistige Überleben ermöglicht. Die Residenz des Friedensnobelpreisträgers, Bischof Ximenes Belo, haben pro-indonesische Milizen verwüstet: Der Marienstatue vor dem Haus haben sie Gesicht und Hände weggeschlagen, an einem holzgeschnitzten Altarbild nach Leonardos Abendmahl ihre Wut ausgelassen und Christus und den Aposteln die Köpfe abgesägt, um sie als Talismane mit nach Hause zu nehmen. Die islamischen Milizionäre sind abergläubisch und haben zwar Waisenhäuser, Schulen und andere kirchliche Einrichtungen, aber keine Gotteshäuser dem Erdboden gleichgemacht.

Im Garten der bischöflichen Residenz hilft eine alte Dame in Ordenstracht bei der Verteilung der vom Roten Kreuz gelieferten Lebensmittel. Die 82-jährige Margarida Paulo Gomez, Oberin der Canossa-Schwestern, die in einer Remise versteckt dem Terror entging, strahlt Zuversicht und Güte aus: Nein, sie empfinde keinen Hass gegen Mitglieder der Aitarak-Miliz, die Gräueltaten und Morde auf dem Gewissen hätten; viele seien gegen ihren Willen rekrutiert worden, und ein Milizionär habe ihr heimlich Essen zugesteckt. Ost-Timor sei ein kleines Land, in dem jeder jeden kenne. Der Riss gehe quer durch die Familien, aber mit Gottes Hilfe werde der Bruch geheilt, und die Heimkehr von Bischof Belo sei das Signal für die Vertriebenen, in die Städte zurückzukommen und die zerstörten Häuser aufzubauen.

"Viva Timor Leste" und "Merdeka" (Unabhängigkeit) haben Jugendliche in blutroten Buchstaben auf die Freitreppe des Gouverneurspalastes gemalt, der nach dem Abzug der Besatzungsmacht vom Volk gestürmt worden ist. Aber was wie Blut aussieht, ist in Wahrheit roter Saft der Betelnuss, der das Hungergefühl im leeren Magen betäubt. Im Innern des verwüsteten Gebäudes liegen Bittbriefe an den Gouverneur und zerfetzte Plakate herum, unter anderem eine Hochglanzbroschüre, die für die deutsche Industrieausstellung in Jakarta wirbt. Nur ein kleines Kontingent indonesischer Truppen hat sich noch im Elektrizitätswerk von Dili verschanzt und kann den australischen Streitkräften jederzeit den Strom abdrehen. Deren Befehlshaber, Generalmajor Cosgrove, geht auf Nummer sicher und tut alles, um einen militärischen Konflikt mit der indonesischen Armee zu vermeiden.

Jeden Vormittag um elf tritt der Mann mit dem australischen Cowboyhut im Hauptquartier der Interfet-Friedenstruppe vor Kameras und Mikrofone und gibt lakonisch knappe Sätze von sich, die CNN über die ganze Welt verbreitet. "Sie müssen mich nicht über mein Mandat belehren", sagt er. Der General reagiert unwirsch auf Beschwerden von Hilfsorganisationen und Journalisten, die nicht dorthin gelangen können, wo die Not am schlimmsten ist, weil er seine Truppen nur im Schneckentempo ins Hinterland vorrücken lässt. Ähnlich wie einst in Somalia würde der Tod eines einzigen australischen Soldaten einen Umschwung der öffentlichen Meinung bewirken und die Ost-Timor-Mission in Frage stellen. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Leiche des holländischen Reporters Sander Thoenes, der kurz nach der Landung beim ersten Rundgang durch Dili ermordet und verstümmelt wurde, zwölf Stunden lang auf der Straße liegen blieb - die Australier befürchteten einen Hinterhalt der indonesischen Armee. Andererseits ist das bedächtige Vorgehen der Interfet-Truppen das falsche Signal an die Adresse der Milizen, die den Kampfeswillen der Australier mit Nadelstich-Attacken auf entlegene Außenposten und isolierte Konvois testen.

"Das erste Opfer des Krieges ist zu beklagen", sagt General Cosgrove, und alle Reporter zücken erwartungsvoll die Notizblöcke, aber die Hiobsbotschaft bleibt aus: Beim Entladen eines Transportflugzeugs hat ein Gabelstapler einen australischen Rekruten erfasst, der verletzt nach Darwin ausgeflogen werden muss. Ein anderer wurde beim Baden im Meer von "unbekannten Kreaturen" angefallen und mit partieller Lähmung ins Lazarett eingeliefert. "Ich sitze am Strand mit Blick auf den Ozean", schreibt ein Soldat, dem ich über die Schulter schaue, an seine Braut in Melbourne, "und der einzige Unterschied zwischen zu Hause und hier ist die automatische Waffe, die ich trage. Und der Kasten Bier, der mir fehlt."

Am Abend ist es dann so weit. Militärpolizisten in Stahlhelmen und kugelsicheren Westen stürmen in das ehemalige Nonnenkloster, wo ich zusammen mit anderen Journalisten Quartier bezogen habe, und fordern alle Anwesenden auf, zum Interfet-Stab zu kommen - Generalmajor Cosgrove habe eine wichtige Mitteilung zu machen. "Ich wollte Ihnen die Nachricht nicht vorenthalten", sagt der Kommandeur und tritt, von Scheinwerfern angestrahlt, ans Mikrofon. "Ein Konvoi, der festgenommene Milizionäre an der Grenze zu Westtimor freigelassen hat, ist auf der Rückfahrt bei Suai in einen Hinterhalt geraten und von Unbekannten überfallen worden. Am Tatort sichergestellte Waffen und Munition stammen aus Beständen der indonesischen Armee. Zwei Angreifer wurden bei dem Schusswechsel getötet, zwei verwundete australische Soldaten ins Militärhospital gebracht. Beide sind auf dem Weg der Besserung. Ich bedauere den Verlust an Menschenleben und habe Indonesiens Armeeführung um Klärung des Vorfalls ersucht. Meine Männer haben dem Befehl, gezielt zurückzuschießen, wenn jemand das Feuer auf sie eröffnet. Schreiben Sie das ruhig, meine Herren!"

Rundgang mit einer Patrouille von Gurkhas durch die nachtdunkle Stadt. Die Gurkhas sind eine Eliteeinheit des britischen Heeres; sie stammen aus Nepal und wurden aus Brunei nach Ost-Timor verlegt; schon ihre Vorfahren haben in zahlreichen Kriegen für England gekämpft. In Viererkette durchkämmen sie die Straßen, Gewehre im Anschlag, und suchen Hinterhöfe und Gärten nach Verdächtigen ab. Pro-indonesische Milizen sollen nach Dili eingedrungen sein, um Anschläge zu verüben, aber außer quakenden Fröschen und Grillen, Hunden, die den Mond ankläffen, und dem heiseren Gekrächz eines Hahns ist nichts zu hören und zu sehen. Eine Frau mit Lockenwicklern im Haar tritt auf die Veranda eines unzerstörten Hauses und zieht die Tür hinter sich zu. "Halt, stehen bleiben!" Der Gurkha spricht sie auf Malaiisch an, und die Frau geht ins Haus zurück.

"Wussten Sie, dass so ein Nachtsichtgerät 5000 Pfund wert ist", sagt Oberleutnant Jordan Davies aus Windsor, der die Truppe führt, und lässt mich durchs Zielfernrohr seines Gewehrs schauen, das die Bananenplantage um uns herum in giftgrünes Dämmerlicht taucht. "Ich war in der Lüneburger Heide stationiert und kenne Deutschland, aber in Südostengland ist es doch am schönsten. Dort gibt es alles, was der Mensch zum Leben braucht. - Es wird Zeit, dass die Bundeswehr das Feldlazarett schickt", setzt er unvermittelt hinzu. "Die Bundesrepublik ist ein reiches Land, und in OstTimor wird dringend Hilfe gebraucht!"

Aber der Chefarzt des französischen Hospitals, das ich am nächsten Morgen besichtige, ist nicht einverstanden. Der deutsche Beitrag sei willkommen, sagt Dr. Belat aus Brest, aber derzeit gebe es eine medizinische Überkapazität. Das Hospital habe nur fünf Patienten: einen Verwundeten der Falintil-Befreiungsfront, zwei Jungen, die mit Handgranaten gespielt hätten, und eine werdende Mutter mit Kind. Solange keine Kämpfe ausbrächen und die Flüchtlinge aus Westtimor nicht zurückkehrten, blieben die Betten leer. Und in Darwin, wo die Bundeswehr eine Klinik errichtet, gebe es mehr Krankenhäuser als genug. "Der multinationale Einsatz ist mangelhaft koordiniert", meint der Anästhesist, der zahlreiche humanitäre Katastrophen miterlebt hat. "Außerdem gehen die Interfet-Truppen viel zu langsam vor. In vier Wochen beginnt die Regenzeit. Wenn bis dahin die Vertriebenen nicht zurückgekehrt sind, fällt die Aussaat ins Wasser, und es gibt eine Hungersnot."
© 1999

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