Politik : Der Krieg ist in der Stadt - wie die Moskauer mit dem Terror leben

Elke Windisch

Zwei untersetzte Arbeiter, die zusammen gut und gerne 200 Kilo wiegen, umklammern Marija mit beiden Armen. Alle Kräfte müssen sie aufbieten, damit die Fünfzigjährige sich nicht in die Grube stürzt, in die gerade ein Kindersarg aus Kiefernholz gesenkt wird. "Warum, warum", schreit Marija und zerkratzt sich das tränenüberströmte Gesicht. "Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, warum lässt du das zu? Was hat meine kleine Sweta verbrochen? Heute wollten wir ihren zweiten Geburtstag feiern, heute, heute, heute ..."

Marijas Enkelin Sweta ist eines der Opfer, die in der Nacht zum Donnerstag bei dem Terroranschlag auf ein neunstöckiges Wohnhaus im Moskauer Südosten ums Leben gekommen sind. Zwei Tage haben Rettungsmannschaften gebraucht, um ihre Leiche ausgegraben. Für Sweta und die anderen 97 Toten, die bislang geborgen wurden, wehen an diesem Tag in ganz Russland die Fahnen auf Halbmast. Sie wehen auch für die 64 Opfer im dagestanischen Buinaksk, die am vorvergangenen Samstag bei einem Sprengstoffanschlag auf das Wohnhaus russischer Offiziersfamilien gestorben sind. Russland steht unter Schock, sogar der kommerzielle TV-Kanal NTW hat seine Dog-Show abgesetzt. Statt den Hunden gehört der Bildschirm zwei einsamen Balalaikas, die eine traurige Volksweise spielen. Die Terroristen indes zünden die nächsten Sprengsätze: Am Sonntag fliegt in Dagestan eine Eisenbahnbrücke in die Luft, über die gerade ein Güterzug mit Nachschub für die Regierungstruppen rollt, die gegen die Islamisten kämpfen. Und als der Staatstrauertag fünf Stunden und drei Minuten alt ist, nehmen sich die Terroristen in Moskau ein weiteres Wohnhochhaus vor. Diesmal im Süden, an der Kaschirsker Chaussee.

Wo vorher der achtgeschossige Ziegelbau stand, gähnt nun eine Grube, in der ein Parkhaus Platz fände. Trotz der frühen Stunde haben sich am Katastrophenort Hunderte von Menschen eingefunden, Verwandte, Freunde und Bekannte der über 120 Bewohner. Immer, wenn die Rettungsmannschaften eine Leiche aus dem Schutt graben, geht ein Seufzer durch die Menge. Dann wird es still, und mit zaghaften Schritten nähern sich kleine Gruppen den zerquetschten und verkohlten menschlichen Überresten. Die Toten sind, wenn überhaupt, nur an ihrer Kleidung zu identifizieren. "Die meisten hat es im Schlaf erwischt, und sie haben nicht leiden müssen. Das ist der einzige Trost bei dieser Scheißarbeit", sagt Sanitäter Sergej und fährt sich mit dem Handschuh über die Augen. Sergej war bei dem schweren Erdbeben im armenischen Spitak 1988 mit dabei und hat dem Tod tausendfach ins Auge gesehen. "Das hier ist viel schlimmer", sagt er. "In Armenien, das war höhere Gewalt. Diese Einsätze hier wären vermeidbar gewesen."

In den umliegenden Häusern macht sich unterdessen die schnelle Eingreiftruppe des Oberbürgermeisters Jurij Luschkow ans Werk. Mehr als 800 Fenster sind neu zu verglasen. Einige Wohnungen sind so verwüstet, das die Mieter ausziehen müssen. Die Ärztin Nadja hat, für russische Verhältnisse ein einmaliger Vorgang, drei Stunden nach der Explosion die Schlüssel für eine neue Zweizimmerwohnung in der Hand. "Sicherlich freuen Sie sich?", fragt der Reporter des Staatsfernsehens und hält Nadja das Mikrofon hin. Doch mit ihrer Antwort ist nicht viel Staat zu machen. Ernst und konzentriert schaut die Zweiunddreißigjährige in die Kamera. "Ich weiß nicht", sagt sie leise. "Wer weiß denn, ob wir dort sicher sind."

Die Explosion am Donnerstag hat nicht nur das Haus Nummer 9 in der Gurjanow-Straße in zwei Teile gespalten, sondern auch das Leben eines jeden Moskauers in davor und danach. Bis zu dem ersten Anschlag nahm man Berichte von Attentaten in Dagestan gelassen hin. So weit weg erschien der stets unruhige Nordkaukasus. Dass die Islamisten schon Anfang August gedroht hatten, den Krieg in die Städte zu tragen, nahm niemand ernst. Doch seit Donnerstag ist weit weg auf einmal ganz nah. Nichts ist mehr so, wie es war. Jeden kann es treffen, überall. Alles deutet darauf hin, dass die Terroristen die Neun-Millionen-Metropole systematisch in die Zange nehmen.

In der Metro liegen Zigarettenschachteln und Bananenschalen auf den Marmorfliesen - für die an saubere Bahnhöfe gewöhnten Moskauer bislang außerhalb der Vorstellungskraft. Aus Angst, dort könnten Sprengsätze deponiert sein, haben Ordnungskräfte sämtliche Papierkörbe entfernen lassen. Misstrauisch beäugen Fahrgäste sogar die großen karierten Wachstuch-Einkaufstaschen von harmlosen Großmüttern. Vielleicht liegt unter Winteräpfeln oder Kartoffeln ein Ei der "Schwarzen", wie die Kaukasier im Slang der Moskauer Gosse heißen.

Polizei und Geheimdienst haben bislang nur ein Phantombild des Täters, das nach Aussagen von Einwohnern der zerstörten Häuser gezeichnet wurde und auf jeden dritten Mann Mitte Dreißig passen könnte. Trotzdem ist Stadtvater Jurij Luschkow davon überzeugt, dass es die Tschetschenen waren. Das Attribut "böse" spart er sich diesmal, denn für ihn und für das Wahlvolk versteht es sich von selbst, dass alle Tschetschenen böse sind, vor allem, wenn die Umstände es erfordern.

Binnen 24 Stunden, raunzte Boris Jelzin seinen Intimfeind Luschkow vor laufender Kamera an, solle der sein Haus aufräumen. Damit rennt der Präsident allerdings offene Türen ein, denn auch Luschkow hat erkannt, dass sich die Hexenjagd auf Fremde hervorragend als Wahlkampf-Hit eignet.

"Polizei und Geheimdienste versuchen versuchen wieder einmal, dem Terrorismus-Problem mit untauglichen Mitteln beizukommen", erregt sich der Journalist Wolodja, der daran zweifelt, dass die Ermittler tatsächlich auf der richtigen Spur sind. Seine Version ist so ungeheuerlich, dass er nicht einmal seinen Familiennamen und die Zeitung nennen will, für die er arbeitet. Dem Jelzin-Clan, glaubt Wolodja, sei jedes Mittel recht, um die Macht zu verteidigen, die er bei demokratischen Wahlen zwangsläufig verlieren würde. "Ich will nicht gesagt haben, dass der Kreml selbst die Terrorakte inszeniert hat, um den Ausnahmezustand zu verhängen und die Wahlen abzusagen. Aber ich schließe nicht aus, dass die Ermittlungen bewusst lässig geführt werden, weil nur eine Serie von Anschlägen mit vielen Opfern die Öffentlichkeit dazu bringen kann, die Rückkehr zur Diktatur hinzunehmen."

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