Politik : Der Krieg kann warten

Blair will den Inspekteuren der UN mehr Zeit für Kontrollen geben

Matthias Thibaut[London]

Großbritannien will den Countdown für einen Irak-Krieg bewusst verlangsamen. In einer Kabinettssitzung sagte Premier Tony Blair am Donnerstag, man müsse den UN-Waffeninspekteuren „Zeit und Raum“ für ihre Berichte geben. Der Termin für den Bericht am 27. Januar sei „kein Ultimatum". Ein Regierungssprecher erklärte, es gebe für die Arbeit der Waffeninspekteure im Irak „keinen Endpunkt“. Bereits in den vergangenen Tagen hatten die Briten ihre Äußerungen zum Irak merklich abgeschwächt. Immer deutlicher pochen sie auf eine zweite UN-Resolution, und auch die Verlegung von Truppen an den Golf erfolgt langsamer als erwartet. Panzereinheiten, deren Aufmarsch bis zu zwei Monate in Anspruch nimmt, wurden immer noch nicht in Marsch gesetzt. Londons Diplomaten in den USA dringen darauf, den Krieg bis in den Herbst zu verschieben, berichtete der „Daily Telegraph“.

Der Hintergrund des britischen Bremsens ist klar: Eine Kriegsteilnahme ohne UN-Mandat und ohne klaren Beweis für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen könnte sich für die Blair-Regierung zu einem Katastrophenszenario auswachsen. Skepsis und Widerstand bei den Labour-Abgeordneten sind über Weihnachten eher noch gewachsen. Bis zu 150 Abgeordnete würden offen rebellieren, heißt es in Berichten.

Auch Blairs Kabinett macht bei dem Bremsmanöver keinen besonders geschlossenen Eindruck. Nach Berichten des „Daily Mirror“ steht Außenminister Jack Straw auf der Abschussliste, seit er mit seiner Prognose, die Chancen stünden „60 zu 40“ gegen einen Krieg, Aufsehen erregte. Blair soll die offene Kritik des Verteidigungsminister Geoff Hoon an Straws „wenig hilfreicher“ Bemerkung sanktioniert und diese selbst als „dumm“ bezeichnet haben. Man wirft Straw vor allem vor, die Moral der Truppen zu untergraben. Von tief greifenden Differenzen zwischen Falken und Tauben in der britischen Regierung zu reden, wäre aber wohl übertrieben. Eher zeigt sich in dem Streit die Distanz des Außenministeriums zur Downing Street, wo Blairs Chefdiplomat David Manning die außenpolitischen Fäden zieht. Er wird Mitte des Jahres als Botschafter nach Washington wechseln.

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