Politik : Der Krieg rückt näher

Bagdads Einwohner bekommen die Kämpfe immer deutlicher zu spüren – und immer mehr Familien flüchten

Asne Seierstad[Bagdad]

Unruhig steht Haidar auf der Straße. Eine Pistole ragt ihm aus der Tasche. Auf der Stirn hat er eine große Schürfwunde. Er unterhält sich mit ein paar Freunden. Sie sind alle von ihren Müttern zum Brotkaufen geschickt worden. Haidar ist zwölf Jahre alt und geht in die sechste Klasse. Aber jetzt hat man Haidar und seinen Freunden andere Aufgaben übertragen, da die Schulen geschlossen sind.

„Ich bin für den Einkauf des Essens für die Familie verantwortlich", sagt Haidar zufrieden. In der wartenden Schlange fühlt er sich wohl. Sie führt eine Treppe hoch in ein Ladenlokal, in dem es wunderbar nach frisch gebackenem Brot duftet. Die dünnen Pitabrote werden in Rekordtempo von einem Bäcker ausgerollt und mit einem langen Eisenschieber in den offenen Backofen geschoben. Nach wenigen Sekunden sind sie schon fertig, und ein anderer Bäcker nimmt sie in rasendem Tempo heraus und wirft sie auf den Ladentisch. Dort werden sie noch dampfend in Tüten verpackt.

„Noch nie hatten wir so lange Schlangen wie jetzt", sagt einer der Bäcker. „Aber im Moment müssen die Leute mehrere Kilometer weit fahren, um überhaupt irgendwo Brot aufzutreiben. Wir haben geöffnet, so lange es geht. Schließlich brauchen die Leute Brot."

Haidar klimpert mit dem Haushaltsgeld seiner Mutter. „Eigentlich ist dieser Krieg gar nicht so schlimm. Ich genieße jetzt größere Freiheiten. Ich muss nicht in die Schule gehen und kann jeden Tag Fußball spielen und Einkäufe erledigen. Krieg spielen wir auch. Wir spielen Israelis und Palästinenser", sagt er und hält seine Spielzeugpistole hin, „oder Räuber und Gendarm."

In der Nähe des Brotladens im Karrada-Viertel stehen zwei verrostete Autos. Die Wracks werden mit Taschen, Wasserkanistern und Lebensmitteln beladen. Auf dem Dach liegen zusammengerollte Decken und Matratzen in großen Ballen. „Wir können nicht mehr", sagt Maysun Najib. „Die Kinder können nachts nicht mehr schlafen. Sie weinen und sind außer sich vor Angst. Jetzt, wo wir keinen Strom und auch kein Wasser mehr haben, schließen wir die Tür ab und verschwinden." Die Einwohner von Bagdad spürten am Samstagmorgen, dass ihnen der Krieg näher auf den Leib rückte: Das Dröhnen der Bomben wurde vom Knattern der Maschinengewehre und dem Krachen schwerer Artillerie abgelöst.

Die Sichtbarkeit der irakischen Soldaten verändert die Stimmung in der Stadt merklich. Mehrere Lastwagen mit schwer bewaffneten Soldaten fahren durch die leeren Hauptstraßen. Manchmal schießen die Soldaten in die Luft, als feierten sie, dass der Kampf um Bagdads Straßen endlich beginnt. Sie fuchteln mit ihren Gewehren und machen das Victory-Zeichen. An der Autobahn stehen Panzer in Kolonnen – bereit zum Ausrücken. Fahrzeuge schleppen leichtere Kanonen hinter sich her. Außerdem sind an mehreren Stellen in Bagdad größere Ansammlungen von Soldaten zu sehen. Sie waren an den Kreuzungen aufmarschiert. Pick-up-Wagen mit grüngekleideten Männern sind ebenfalls unterwegs.

An einer der Hauptstraßen sitzt Ahmed auf einem Hocker und sieht zu, wie Arbeiter Fenster und Türen seines Hotels in der Sadoun-Straße zumauern. „Atlas Hotel & Restaurant" steht auf dem Neonschild über dem Eingang. Wo einmal eine Schwingtür zu sehen war, erhebt sich jetzt eine solide Mauer. Genauso solide sind auch alle Fenster im Erdgeschoss des Gebäudes zugemauert. Nur ein Spalt eines Fensters bleibt noch offen. Im Übrigen ist das Gebäude vollkommen versiegelt.

„Das ist so am sichersten", meint Ahmed traurig. „Da kommt keine Kugel durch. Aber wenn Gott will, bleibt uns das erspart, und wir können die Mauer wieder einreißen."

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