Politik : Der Kronprinz aus Zelle 28 Ein Häftling ist Palästinas Politiker der Zukunft

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Gefängnis Hadarim in der fruchtbaren Sharon-Ebene, Block 3, Zelle 28. Hier entscheidet sich, ob das von US-Präsident Bush initiierte nahöstliche Regionalgipfeltreffen ein Erfolg wird, ob die Palästinenser ihrem Ziel eines eigenen Staates näherrücken oder nicht. Hier „residiert“ der Mann, der die Al-Aksa-Intifada angeführt hat und der sich als logischer Nachfolger von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas versteht.

Es ist Marwan Barghouti, am 6. Juni 2004, seinem 45.Geburtstag, von einem israelischen Gericht zu fünfmal lebenslänglich plus 40 Jahren Haft verurteilt. Der Hoffnungsträger der moderaten Palästinenser, also der Mehrheit, die ihn als Kronprinzen sieht. Als ehemaliger Fatah-Generalsekretär im Westjordanland nun in israelischer Haft Vermittler zwischen den nationalistischen, marxistischen und islamistischen Parteien in- und ausserhalb der Gefängnismauern. Ohne ihn hätte es die kurzlebige „Regierung der Nationalen Einheit“ – welcher der Hamas-Putsch im Juni ein brutales Ende setzte – nie gegeben.

Ohne Barghoutis ausdrückliche Zustimmung geht auch jetzt nichts zwischen Abbas und Ehud Olmert, der Palästinenserbehörde und Israels Regierung. Vor Condoleezza Rices Kurzvisite diese Woche und danach wurde Barghouti konsultiert – wie schon bei jedem Besuch wichtiger Politiker.

„Ich will mich nicht mit der Frage beschäftigen, ob Marwan Barghouti freigelassen wird, sondern nur, wann dies geschieht“, erklärte Palästinenserpräsident Abbas seinem Gastgeber Ehud Olmert vor Monatsfrist. Noch auf dem Heimweg von Jerusalem nach Ramallah rief der Rais Marwans Frau Fadwa Barghouti an: „Olmert war diesmal positiver. Ich habe ihm gesagt, dass ich Barghouti benötige, seine Freilassung werde ein positives Momentum in den politischen Bewegungen bringen.“ „Inschallah“, antwortete die Frau, welche für Marwan zusammen mit seinem Anwalt Khader Shakirat die wichtigste Verbindung zur Außenwelt darstellt. Alle zwei Wochen darf die allseits hochangesehene Anwältin, welche auf Marwans Verlangen Jura studiert hat, zu ihrem Mann, dem Vater ihrer vier Kinder. Shakirats Kanzlei wiederum betreut nur einen einzigen Fall: Marwan Barghouti, den der Anwalt mindestens zweimal wöchentlich aufsucht.

Abbas und Barghouti senden nicht immer auf gleicher Wellenlänge. Kürzlich hat der Palästinenserpräsident deutlich gemacht, dass er in anderthalb Jahren, wenn seine Amtszeit abläuft, nicht Barghouti als seinen Nachfolger wünscht. Der wiederum erklärt nun: „In dem Augenblick, wo Abu Masen offiziell das Ende seiner Amtstätigkeit ankündigt, werde ich – auch wenn ich in der Isolierzelle stecken sollte – meine Kandidatur für das Amt des palästinensischen Präsidenten anmelden. Ich werde kandidieren und siegen.“

Alles spricht dafür, dass der populärste palästinensische Politiker seit Arafat, volksverbunden wie kein Zweiter und nicht abgehoben wie Abbas, in absehbarer Zeit freikommt. Ohne Barghouti kein Abkommen mit Israel. Das wissen alle Beteiligten. Deshalb hat selbst US-Außenministerin Rice Olmert um seine Freilassung gebeten.

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