Politik : Der Kronprinz rebelliert

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Von Thomas Seibert, Istanbul

In Zeiten der Krise und der Unsicherheit können schon die kleinsten Gesten zu wichtigen Botschaften werden. Selbst die Abwesenheit eines kleinen Abzeichens am Anzug-Revers eines Politikers spricht dann Bände. Der türkische Außenminister Ismail Cem tauchte in den vergangenen Tagen ohne den sonst bei ihm üblichen Button seiner Partei DSP in Ankara auf.

Die türkische Presse war am Mittwoch sicher, dass Cem damit ein Signal senden wollte: Der Minister, lange Zeit der Kronprinz des DSP-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Bülent Ecevit, wolle damit seinen Bruch mit dem Premier dokumentieren. Türkische Fernsehsender meldeten am Mittwochabend, Cem habe sich zum Rücktritt von seinem Ministeramt und zum Austritt aus der DSP entschlossen und wolle seine Entscheidung in den nächsten Tagen bekannt geben. Damit deutet alles darauf hin, dass sich Cem mit anderen DSP-Dissidenten zusammentun will, die Ecevit ebenfalls den Rücken gekehrt haben.

Während der 77-jährige Ecevit langsam aber sicher die Macht in der Türkei abgeben muss, wird der um 25 Jahre jüngere Außenminister immer mehr zu einer Schlüsselfigur. Der schwer kranke Ecevit ist nach Massenaustritten aus seiner DSP politisch am Ende; die vorgezogenen Neuwahlen wurden ihm von seinen Koalitionspartnern aufgezwungen. Cem dagegen bildet zusammen mit dem ein Jahr älteren Wirtschaftsminister Kemal Dervis ein für die türkische Szene völlig neues und mächtiges Duo: Sie sind Politiker, die im In- und Ausland respektiert und präsentabel sind, die neuen „Joker“, wie eine Zeitung kommentierte. Wenn sie sich gemeinsam für eine Partei entscheiden, kann diese Partei damit rechnen, den nächsten Ministerpräsidenten zu stellen.

Nicht nur die Hauptakteure bei den anstehenden Neuwahlen stehen fest, auch das Hauptthema ist schon klar: Es geht um Europa, das wissen alle Akteure in Ankara, und sie treffen bereits entsprechende Vorbereitungen.

Die beiden „Joker“ Cem und Dervis gehören fest dem pro-europäischen Lager an, doch sie sind bisher nicht aus den Startlöchern gekommen. Noch wartet die Öffentlichkeit auf eine klare Entscheidung des neuen Traumduos für eine der bestehenden Parteien oder für eine ganz neue Formation. Möglicherweise fehlen ja nur noch die Parteiabzeichen.

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