Politik : Der Kronzeuge gegen Schleußer: Ein Drogenschmuggler mit manipulierten Flugbüchern

Jürgen Zurheide

Der Herr Zeuge nickt immer wieder. Natürlich hat er verstanden, was der Herr Vorsitzende ihm soeben zu erklären versuchte. "Wer unwahre Angaben macht, muss mit einer harten Strafe rechnen", hatte der Vorsitzende gesagt und hinzugefügt, "wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft". In diesem Moment vermerkten die Protokollführer "allgemeine Heiterkeit im Saal", dem Vorsitzenden gefiel dieser kleine Gefühlsausbruch des Publikums überhaupt nicht.

"Ich bitte Sie, solche Bekundungen zu unterlassen", herrschte der Vorsitzende Rolf Hahn in die Runde, was die vielen Zuhörer freilich nicht besonders beeindruckte, weil er seinen rheinischen Tonfall auch in solchen Momenten nicht unterdrücken kann und er - unfreiwillig - eher komisch wirkt.

Schon nach diesem Vorspiel ahnten die meisten, dass dieser Nachmittag den einen oder anderen Heiterkeitsanfall bescheren und weniger der Wahrheitsfindung dienen würde. Der Zeuge heißt Ralph Henry Ermisch, über die mögliche Haftstrafe wegen Meineides lächelt er. Seine gegenwärtige Adresse weist ihn als Häftling der Justizvollzugsanstalt Aachen aus. Ermisch ist der Kronzeuge des Magazins "Focus" in der Düsseldorfer Flugaffäre, er verbüßt in Aachen eine 13-jährige Haftstrafe wegen Drogenschmuggels.

Direkt zu Beginn will er dem Publikum etwas erklären. "Ich möchte noch einmal meine Glaubwürdgkeit unterstreichen", beginnt er seinen kleinen Vortrag. In der Tat hatte die Landesregierung nach den ersten Meldungen über die angeblichen Privatflüge von Johannes Rau und Heinz Schleußer mit Hinweisen auf seine kriminelle Vergangenheit zu kontern versucht. "Ist es jetzt wichtiger, was ein Straftäter sagt", hatte Wolfgang Clement gefragt und natürlich massiv auf das Glaubwürdigkeitsproblem von Ralph Ermisch angespielt.

Doch Rolf Hahn unterbricht den kleinen Vortrag des Piloten sofort: "Ihr Strafverfahren spielt hier keine Rolle". Es dauert einen Moment, bis sich Hahn wirklich durchsetzt, aber nach einem juristischen Geplänkel seines Anwaltes mit dem Vorsitzenden erzählt Ermisch etwas über die Politikerflüge.

Direkt zu Beginn platziert er neben den bekannten Namen wie Rau und Schleußer noch Bodo Hombach, Uwe Barschel und die halbe Führungselite der deutschen Wirtschaft von Alfred Herrhausen bis zu Ferdinand Piech. Obwohl ihm das Landgericht Köln längst untersagt hat, über einen Flug von Heinz Schleußer 1991 von oder nach Ibiza zu berichten, weil Schleußer auch nach Auffassung des Gerichtes in Düsseldorf war, nennt Ermisch dieses Datum erneut. Er garniert seine Fluggeschichten mit Hinweisen auf Orgien, die in Ibiza stattgefunden haben sollen. "Es waren aber keine Politiker dabei, über die wir hier reden", fügt er auf Nachfragen hinzu. Die West LB, so glaubt er zu wissen, habe all diese Flüge bezahlt. Entsprechende Rechnungen finden sich freilich nicht. Woher er das alles so genau wisse, bohrt der Vorsitzende an einer Stelle nach. "Das habe ich aus meinen Flugbüchern", antwortet Ermisch.

Der Ausschuss-Assistent sichtet sofort die entsprechenden Bücher und findet auch Angaben zu Ibiza im August 1991. Doch im Flugbuch steht nicht Ibiza, dort findet sich ein Hinweis auf Dubrovnik, mit Bleistift hinzugefügt. "Da war jemand mit Tipp Ex am Werke", vermutet Rolf Hahn, Ermisch widerspricht. "Das muss nach der Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft passiert sein", sucht er sich zu verteidigen. Als die Protokollführer wieder "Heiterkeit" vermerken, schiebt Rolf Hahn das Urteil über diesen Zeugen und dessen Flugbücher nach: "Die müssen manipuliert sein, gar keine Frage." Niemand hat widersprochen, selbst die CDU-Vertreter im Ausschuss nicht.

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