Politik : Der kurze Arm der UN in Afghanistan

Hans Monath

Das öffentliche Interesse an Afghanistan hat rapide nachgelassen, seitdem Kabul befreit ist und US-Kampfflugzeuge nur noch selten mit Bomben und Raketen gegen die Taliban vorgehen. Das ist seltsam, denn seit einigen Wochen riskieren auch Bundeswehrsoldaten in der Hauptstadt ihr Leben und ihre Gesundheit, um die Übergangsregierung zu schützen. Seit dem Sturz der Taliban scheint die Lage in Afghanistan stabil. Wie schwierig die Aufgabe aber ist, viele, über Jahrzehnte in einen Bürgerkrieg verstrickte Volksgruppen an einen Tisch zu bringen, kann man aus dem Buch "Mission Afghanistan" des deutschen Diplomaten Nobert Heinrich Holl lernen.

Holl kennt diese Bürgerkriegsparteien aus eigener Anschauung. Fast zwei Jahre, 1996/97, hat er als UN-Diplomat versucht, zwischen ethnischen und religiösen Gruppen in dem Land zu vermitteln. Holl, der im Juni 1996 zum Leiter einer UN-Friedensmission in Afghanistan ernannt wurde und seinen Sitz in Jalalabad nahm, lernte die Politik der Großmächte und die Einflussgrenzen der UN in diesem Konflikt kennen. Mit den meisten Akteuren, die im Krieg um Afghanistan eine Rolle spielten, hat er lange verhandelt - auch mit den Taliban.

Gegenüber anderen, schnell produzierten Afghanistan-Werken hebt sich Holls Buch deutlich ab. Es ist sehr selten, dass ein Autor nicht nur über intensives persönliches Erleben, exzellente Kenntnis der Region und ein klares Urteilsvermögen, sondern auch über einen eingängigen, frischen Erzählstil verfügt. Erfahren kann man von Holl vor allem, wie unterschiedlich die Volksgruppen sind, deren Hauptstadt Kabul nun für alle Afghanen sprechen will und sprechen muss. Schon vor dem Ende des Krieges hegten die Menschen am Hindukusch hohe Erwartungen gegenüber den Deutschen - eine Verpflichtung, der sich die Berliner Politik nicht entziehen wollte und die sie wahrscheinlich noch lange binden wird.

Einen Nachteil hat das Buch freilich: Das Manuskript wurde zu einem Zeitpunkt abgeschlossen, als die Luftangriffe noch kaum Wirkung zeigten. Weder über die Zusammensetzung der Nachkriegsregierung noch über ihre Chance, das Land zu befrieden, kann Afghanistan-Kenner Holl deshalb Auskunft geben. Trotzdem: Wer sich für die Genesis dieses Konflikts interessiert, kann von Holl viel lernen.

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