Politik : Der Lack ist ab

Von Henrik Mortsiefer

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Der Rambo in Nadelstreifen, wie sie ihn nannten, streckt die Waffen. Jürgen Schrempp gibt als Vorstandschef von DaimlerChrysler auf. Keine Abfindung. Kein Aufsichtsratsposten. Kein Beratervertrag. Nach 45 Jahren Betriebszugehörigkeit und zehn Jahren im Amt räumt der Chef seinen Posten, als wäre nichts gewesen. Und die Börse jubelt: endlich! Die Aktie sprang um mehr als zehn Prozent nach oben. Der viertgrößte Autokonzerns der Welt war binnen Stunden fast vier Milliarden Euro wertvoller. War denn Jürgen Schrempp so wichtig und am Ende eine solche Last für Daimler-Chrysler, dass die Erleichterung berechtigt ist? Woran ist Schrempp gescheitert?

Er hat sich überhoben. Einer der selbstbewusstesten Manager dieses Landes hat sich, seinen Mitarbeitern und Aktionären zu viel zugemutet. Vielleicht war der Macher, Kraftmensch und Unangreifbare am Ende auch schlicht überfordert. Nicht weniger als die erste Welt AG wollte „Mister Shareholder Value“ nach der Fusion von Daimler und Chrysler im Jahr 1998 bauen. Bis heute ist diese Vision Baustelle geblieben. Sie wurde so wenig Wirklichkeit wie einst der „integrierte Technologiekonzern“, der Schrempps Vorgänger Edzard Reuter vorschwebte. Das Unternehmen, unter dessen Dach Reuter bis 1995 Autos, Flugzeuge, Eisenbahnen und Kühlschränke produzieren wollte, konzentriert sich zwar heute auf sein Kerngeschäft. Aber Schrempp hat bewiesen, dass man sich auch beim Bau von Smarts, Mercedes, Chryslers oder Maybachs gewaltig verzetteln kann.

Schon der Rohbau der Welt AG stand auf schwankendem Boden, als nach der „Hochzeit im Himmel“ (Schrempp) mit Chrysler klar wurde, dass der US-Autokonzern keine Bereicherung für Daimler, sondern ein Sanierungsfall war. Zusammen mit Dieter Zetsche, der nun Konzernchef wird, sanierte Schrempp Chrysler. Doch seine Gedanken und viel Geld hatte Schrempp da schon wieder woanders verloren: in Asien. Die Beteiligung an Mitsubishi erwies sich als Fehlinvestition. 2004 musste Schrempp – Arbeitsmotto: Tempo, Tempo, Tempo – die Notbremse ziehen und bei den Japanern aussteigen. Kaum war das überstanden, machte der Smart Probleme. Das kleine Auto verkauft sich schlecht. Schlechter jedenfalls, als es Entwicklungs- und Produktionskosten von mehreren Milliarden Euro rechtfertigen.

Chrysler, Mitsubishi, Smart – Schrempps Reise um die Welt hätte ihn wohl nicht seinen Job gekostet, wenn auf dem Heimatmarkt nicht gleichzeitig das Allerheiligste Schaden genommen hätte: Mercedes. Die Nobelmarke hat Qualitätsmängel und Absatzprobleme, tausende Arbeitsplätze in deutschen Werken sind bedroht. Bei Mercedes ist der Lack ab. Der gute Ruf? Vergangenheit. Wer die Empörung der Daimler-Chrysler-Aktionäre auf der letzten Hauptversammlung gehört hat, der ahnte, dass sie Schrempp dies nicht verzeihen würden. Die Anteilseigner machten aber auch Aufsichstratschef Hilmar Kopper klar, dass er seine Aufgabe, Schrempp zu kontrollieren, vernachlässigt hat. In der Tat wäre Schrempp ohne seinen Männerfreund wohl früher draußen gewesen.

Viel spricht dafür, dass die Deutsche Bank, der mächtigste Daimler-Aktionär, die Geduld verloren hat. Kopper, Ex-Chef der Deutschen Bank, musste den Daumen über Schrempp senken. Zu spät, wie viele meinen. So gesehen, hat der 70-Jährige seine Aufgabe jetzt erledigt. Kopper könnte Schrempp bald in den verdienten Ruhestand folgen.

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