Politik : Der lächelnde Diktator

Suharto herrschte in Indonesien brutal und schuf ein korruptes System. Jetzt starb er 86-jährig in Jakarta

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Atty Sintawati weiß bis heute nicht, wer in der Nacht zum 1. Oktober 1965 in ihrer Straße in Jakarta schoss. „Ich weiß nur, dass mein Nachbar General Yani starb“, sagt die Rentnerin. In dieser Nacht sterben sechs Generäle, darunter der Armeechef. Am Morgen reißt ein 44 Jahre junger Mann die nun vakante Armeeführung an sich: Mohammed Suharto. Er übernimmt immer mehr Macht in Indonesien, wird Präsident und herrscht am Ende 32 Jahre lang. Unter General Suharto kamen Hunderttausende von Menschen um. Und die Antikorruptionsgruppe „Transparency International“ hält Suharto für den korruptesten Herrscher aller Zeiten, er habe bis zu 35 Milliarden US-Dollar veruntreut.

Suharto, 1921 geboren, war äußerlich ein milder Mann. Freundlich zu Gästen, sprach er öffentlich stets ruhig und mit sparsamer Gestik. Und er lächelte meist. „Ich habe geschlafen. Ich hatte damit nichts zu tun“, schrieb Suharto über die Mordnacht des Jahres 1965. Kommunisten wurden verantwortlich gemacht. Als neuer Armeechef verbot Suharto die Kommunistische Partei, bei einer systematischen Jagd auf Mitglieder starben Hunderttausende. „Sie haben Kommunisten geschlachtet wie Hühner“, erzählt Zeitzeuge und Politiker Jacob Sahetapy, „die Flüsse waren voller Leichen.“ Die USA mochten den neuen Herrscher in Indonesien, Suharto war Washingtons Soldat. Der General ließ Auslandsfirmen Öl, Gas, Gold und Kupfer fördern.

1967 wurde Suharto Präsident. „Neue Ordnung“ nennt er sein Politsystem, eine Quasidiktatur mit Demokratieanstrich, in dem das Militär allmächtig ist. Politiker sind Marionetten, Wahlen Schein. Dissidenten verschwinden. Kriminelle werden ohne Verfahren hingerichtet, ihre Leichen auf die Straße geworfen. „In unserer Demokratie ist kein Platz für Opposition im westlichen Sinne. Wir kennen nur Übereinstimmung“, befiehlt Suharto. „Es war eine Kunst, mit ihm zu sprechen“, meint Parlamentarier Mochtar Buchori, „am sichersten war es, nur Fragen zu stellen.“ 1976 annektierte Suharto das benachbarte Osttimor. In der portugiesischen Kolonie hatten Linke die Unabhängigkeit erklärt. Suharto will keinen kommunistischen Nachbarn und schickt Truppen. Zehntausende sterben.

Suharto hatte nicht studiert und las kaum. Aber er regierte intelligent, plante gut und setzte seine Ziele um. Der General holte US-Ökonomen und deutsche Banker ins Land. Das Militärregime hielt den Vielvölkerstaat Indonesien trotz der Separatisten zusammen. „Neue Ordnung“ sorgte für Stabilität und enormes Wirtschaftswachstum, Millionen von Menschen entkamen dank Suhartos Politik der Armut. Eine reiche Oberschicht wuchs heran – und mit ihr Wolkenkratzer, Villen, Golfplätze und Einkaufszentren. Ausländer schätzten Rohstoffe und billige Arbeitskräfte, sie kamen mit Investitionsmilliarden. Indonesien wurde zum „Tigerstaat“, war auf dem Sprung. Der Suharto-Clan entwickelte sich zum Kopf einem Korruptionskraken. Der General blieb trotz Reichtum bescheiden, seine Kinder nicht. Sohn Tommy kaufte zum Spaß Lamborghini. Nicht bloß ein Auto, sondern das Unternehmen.

Mitte der 90er Jahre hatte Suharto, mittlerweile so bewundert wie gefürchtet, einen Staat geschaffen, in dem nur noch wenige hungerten. Mit Straßen, Jobs, Schulen und Krankenhäusern. Nur war vieles mit hoch verzinsten Dollarkrediten finanziert. Die Asienkrise entwertete die Landeswährung, 1998 kostete ein US-Dollar nicht mehr 2000, sondern 18 000 Rupiah. Dollarkredite könnten nicht mehr bedient werden, Banken und Firmen gingen pleite, 35 Millionen Menschen wurden arbeitslos, Lebensmittel- und Spritpreise schossen in die Höhe, Unruhen mit 1000 Toten folgten.

Als Jakarta brannte, trat Suharto zurück. Der General fuhr einfach heim, in sein Haus in Jakartas Cendana-Straße, und guckte ein knappes Jahrzehnt lang fern. Am liebsten Talkshows, Lustiges, Tierfilme und „Wer wird Millionär?“. Suharto ging nur noch zwei oder drei Mal im Jahr vor die Tür, wenn ein Enkelkind heiratete oder wenn er zum Familiengrab wollte. International regte sich während und nach Suhartos Amtszeit kaum jemand über ihn auf. Willy Brandt hatte den jungen Suharto empfangen, Helmut Kohl ging beim dritten Staatsbesuch mit ihm angeln. Nach dem Sturz 1998, im neuen, demokratischen Indonesien, wo Suhartos alte Seilschaften mächtig blieben, belangte niemand den General wegen der Menschenrechtsverletzungen.

Zwei Staatsanwälte wagten Korruptionsklagen. Die erste, ein Strafverfahren, scheiterte im Jahr 2000, Suharto sei durch Hirnschaden verhandlungsunfähig. Erstaunlich: Golf konnte er noch spielen. Mitte 2007 begann ein Zivilverfahren, was auch ohne Anwesenheit des Beklagten möglich ist. „Wir wollen Geld zurück“, sagte der Staatsanwalt und suchte sich eine der vielen Suharto-Stiftungen heraus, die offiziell Studienstipendien finanziert. Das Zivilverfahren schien Suharto zu irritieren. Jedenfalls meldete er sich zu Wort, gab im Oktober 2007 erstmals seit seinem Rücktritt ein Interview. Das Magazin Gatra, es gehört Suhartos ehemaligem Golfkumpel, ließ den General erzählen, welch tolle Arbeit seine Stiftungen leisteten. „Fakt ist, dass ich nicht korrupt war“, sagte Suharto.

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