Politik : Der lange Schatten des Caudillo

30 Jahre nach Francos Tod streitet Spanien über den Umgang mit der Diktatur

Ralph Schulze[Madrid]

„Der Caudillo von Gottes Gnaden hat uns verlassen“, tönte es am Morgen des 20. Novembers 1975 aus den Radioempfängern Spaniens. Der greise Diktator, General Francisco Franco, war mit 82 Jahren in einem Madrider Krankenhaus gestorben. Er hatte das Land 36 Jahre lang mit eiserner Hand regiert. Seiner Herrschaft vorausgegangen war ein entsetzlicher Bürgerkrieg (1936 - 1939). Mindestens 500000 Menschen fielen ihm und Francos anschließender Hetzjagd auf Oppositionelle zum Opfer.

30 Jahre nach Francos Tod ringt Spanien darum, den Mantel des Schweigens von den Untaten des Franco-Regimes zu heben. Regierungschef Jose Luis Zapatero von der Sozialistischen Arbeiterpartei, dessen republikanischer Großvater von Francos Leuten ermordet wurde, will das historische Gedächtnis Spaniens auffrischen und die Opfer „moralisch und juristisch“ rehabilitieren. „Es ist an der Zeit, sich der Vergangenheit zu stellen“, fordert seine Partei.

Doch Vergangenheitsbewältigung ist in Spanien kein leichtes Unterfangen. Als Zapatero im Frühjahr 2005 ein Reiterstandbild Francos im Zentrum Madrids demontieren ließ, setzte eine gespenstische Debatte ein, an deren Spitze sich der konservative Oppositionschef Mariano Rajoy stellte. Zapatero „spaltet die Spanier“, ließ er verlauten. Mit der Eliminierung „historischer Symbole“ würden die „Wunden geöffnet“, schäumte seine konservative Volkspartei, die derzeit rund 40 Prozent der Wähler repräsentiert und eng mit der katholischen Kirche verbandelt ist.

Der Rest der Welt staunte derweil, über den langen Schatten, den Franco auf die spanische Demokratie wirft. Der letzte noch lebende Weggefährte Francos, sein Informationsminister Manuel Fraga, der nach der Diktatur die konservative Partei mitbegründete, befindet pünktlich zum Todestag des Caudillos: „Am Ende wird das Urteil über Franco positiv sein.“

Angesichts derartigen Sträubens, mit der Vergangenheit abzurechnen, dürften in Spanien immer noch tausende Straßen, Schulen, Gedenktafeln und Monumente den Namen des Generals tragen. Deswegen tut sich wohl auch die von Zapatero eingesetzte „Geschichtskommission“ so schwer, den Gesetzentwurf zur „Wiedererlangung der geschichtlichen Erinnerung“ vorzulegen. Sein Inhalt wird zweifellos einen neuen Aufschrei der Franco-Nostalgiker provozieren.

So sollen die Urteile der Franco-Richter, mit denen zehntausende Oppositionelle wegen „Beihilfe zur Rebellion“ zum Tod oder zu Haft verurteilt wurden, annulliert werden. Massengräber, in denen rund 30000 Regimegegner nach ihrer Hinrichtung anonym verscharrt wurden, will man öffnen. Auch das gigantische Franco-Grabmonument, das der Diktator vor den Toren der Hauptstadt von Zwangsarbeitern errichten ließ, möchte man in eine Bürgerkriegs-Gedenkstätte umwidmen. Bisher dient die monumentale Gruft Alt- und Neofaschisten als Wallfahrtsort.

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