Politik : Der lange Schatten des Sultans

Boris Peter

Täglich werden wir mit Berichten und Bildern von blutigen Konflikten konfrontiert. Ihre Ursachen bleiben dabei oftmals im Dunkeln. Der Journalist Klaus Hemmo versucht die historischen Hintergründe verschiedener Krisenherde zu erklären. Die Gemeinsamkeit: Sie alle befinden sich auf dem Gebiet des einstigen Osmanischen Reiches, dessen Ende der Autor an den Anfang seiner Untersuchungen stellt.

Die Transformation des osmanischen Vielvölkerstaates in einen türkischen Nationalstaat hatte fatale Folgen. Mit der Revolution von 1908 forcierten die "Jungtürken" die Umgestaltung des Osmanische Reiches und den Ausbau des Zentralismus, etwa im Erziehungswesen. Diese Politik ging mit einer Türkisierung und Ausschaltung "fremder" Elemente einher. Unter dem Eindruck der Niederlagen in den Balkankriegen (1912/1913) brach sich dann ein extremer türkischer Nationalismus Bahn.

Dessen Opfer wurden nach Beginn des Ersten Weltkriegs die Armenier. Unter dem Vorwand, sie hätten für die Russen Partei ergriffen, befahl Innenminister Talat Pascha im Mai 1915 die "Deportation" der Armenier in die syrische Wüste; Hunderttausende wurden ermordet.

Beteiligt an dem Völkermord waren auch Kurden. Diese wurden aber kurze Zeit später selbst zur Zielscheibe des türkischen Nationalismus. Zwar hatte Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, den gemeinsamen Kampf von Türken und Kurden noch 1920 gepriesen, doch wurde deren Existenz im Friedensvertrag von Lausanne 1923 schlichtweg verleugnet, ihre Sprache verboten.

Die rücksichtslose "Türkifizierung" förderte den Unmut der Araber. Die Briten nutzten dies im Ersten Weltkrieg und versprachen ihren Verbündeten einen großen arabischen Staat. Andererseits sicherte Außenminister Balfour zu, Großbritannien werde eine "jüdische Heimstätte in Palästina" unterstützen. Mit einigem Recht sieht Hemmo in der britischen Politik ein kolonialistisches Ränkespiel. Doch übersieht er, dass auch die Araber versuchten, die westlichen Mächte auszumanövrieren.

Unstrittig ist aber, dass das Foreign Office in Palästina zwiespältig vorging. Als die jüdische Einwanderung in den 30er Jahren merklich anstieg, verschärften sich auch die Spannungen zwischen Palästinensern und Juden. Das veranlasste die britische Regierung, die Einwanderung der Juden gerade zu dem Zeitpunkt einzudämmen, als sich ihre Lage immer mehr verschlechterte. Jüdische Extremisten setzten den Briten daraufhin so zu, dass sie ihr Mandat 1947 an die UN übergab. Noch im gleichen Jahr erarbeiteten die UN einen Teilungsplan für Palästina, den die Araber entschieden ablehnten.

Auch im Kosovo-Kapitel zeichnet der Autor den unseligen Kampf der Völker um eine Region nach. Sofern er sich auf die Darstellung geschichtlicher Abläufe beschränkt, sind die Angaben zuverlässlich. Dagegen sind seine Deutungen mitunter fragwürdig. So beschwört Hemmo einen Panalbanismus. Doch der entbehrt jeglicher Grundlage.

Wie können die Konflikte überwunden werden? Entscheidende Voraussetzung hierfür ist nach Hemmos Einschätzung, dass die Betroffenen versuchen, die Geschichte ihrer Kontrahenten zu ergründen und zu verstehen. Ein schöner Appell. Doch Hemmo folgt ihm selbst nicht immer. Mehrfach spricht er von Mohammedanern und gebraucht damit eine überholte Bezeichnung - Muslime beten zu Allah, nicht zu Mohammed. Und an anderer Stelle erklärt er den Propheten des Islam gar zum Sohn Gottes.

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