Politik : Der Leiter der Jewish Claims Conference, Brozik, zu Vorwürfen

Der New Yorker Politologe Norman Finkelstein wirft

Karl Brozik (73) ist Leiter der Jewish Claims Conference (JCC) in Frankfurt. Als einziger seiner 26-köpfigen Familie überlebte Brozik den Holocaust.

Der New Yorker Politologe Norman Finkelstein wirft der JCC vor, 450 Millionen Mark, die Deutschland 1952 gezahlt hat, für den Aufbau von Gemeindearbeit in Israel verwendet zu haben, statt für Nazi-Opfer direkt.

Der Verwendungszweck dieser Gelder ist im Protokoll II des Luxemburger Abkommens vom 10. September 1952 festgehalten. Hier wird ausgeführt, dass diese Gelder für die "Hilfe, Rehabilitierung und Neuansiedlung jüdischer Opfer der NS-Verfolgung" vorgesehen waren; und zwar nach der Bedürftigkeit, wie sie von der JCC definiert werden. Diesem Verwendungszweck hat die JCC in vollem Umfang entsprochen. Dazu gehören Maßnahmen der Hilfe zur Selbsthilfe und Migrationsprogramme wie der Wiederaufbau des jüdischen Gemeindelebens, auch die Ausbildung von Rabbinern.

Die Deutschen wollten aber, dass die 450 Millionen für Nazi-Opfer im engsten Sinne verwandt würden, nicht für globale Zwecke

Der damalige Verhandlungsführer der JCC hatte gute Gründe, so zu verhandeln, er hat erreicht, dass zusätzlich zur Individualentschädigung dieses Globalabkommen getroffen wurde. Das war ein kompetentes Gremium, und ich werde mir 50 Jahre später nicht anmaßen, die Ergebnisse zu kritisieren.

Wäre es nicht mindestens ebenso wichtig gewesen, individuelle Opfer, die womöglich Not gelitten haben, zu unterstützen?

Die der JCC zur Verfügung gestellten Gelder haben über Gemeinden und Institutionen auch Einzelpersonen erreicht, etwa in Form von Sachleistungen. Aber parallel dazu gab es das Bundesentschädigungsgesetz, das BEG, aus dem individuelle Opfer Zahlungen erhielten, zum Beispiel Renten.

Finkelstein kritisiert, dass die JCC die 450 Millionen Mark nicht ausschließlich an NS-Opfer ausgezahlt hat, aber heute sagt, ehemalige Zwangsarbeiter litten noch Not.

Tatsächlich leiden ehemalige Zwangsarbeiter heute noch Not. Keiner ist für seinen Einsatz als Zwangsarbeiter durch die Bundesregierung entschädigt worden.

Finkelstein wirft Ihnen zudem vor, überhöhte Zahlen für jüdische Zwangsarbeiter anzusetzen. Nicht 135 000, höchsten 25 000 dieser Menschen seien heute noch am Leben.

Dies entbehrt jeder Grundlage. Die JCC hat allein aus dem Härtefonds, den sie im Auftrag des Bundes verwaltet, über 60 000 Personen ermittelt, die für ihre Zuwendungen KZ- oder Ghettohaft nachweisen. Außerdem wurden die Statistiken der laufenden BEG-Renten und der israelischen Invalidenrenten herangezogen. Und unsere Zahlen decken sich mit der historischen Forschung. Neben 500 000 KZ-Überlebenden im Reichsgebiet, davon 350 000 bis 400 000 Juden, gab es bei Kriegsende rund 300 000 jüdische Arbeitssklaven in KZs in ihren Heimatländern.Das Gespräch führte Eva Schweitzer.

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