• Der liberale Wilde: Kubicki rügt die Ämtergier in der FDP - Koalition mit der SPD wäre "unattraktiv, falsch, tödlich"

Politik : Der liberale Wilde: Kubicki rügt die Ämtergier in der FDP - Koalition mit der SPD wäre "unattraktiv, falsch, tödlich"

Robert von Rimscha

Raten wir doch einmal, wer der Ansicht sein könnte, dass ein gutes Drittel der FDP-Bundestagsfraktion "aus ausrangierten Regierungsmitgliedern besteht". Der politische Gegner? Fast. Er sitzt im hohen Norden und führt im Landtag von Schleswig-Holstein die Liberalen. Gestatten, Wolfgang Kubicki.

Das braungebrannte Nordlicht mit dem silbernen Haar und dem gepflegten Stoppelbart ist in den USA zu Besuch. Solch eine Reise ins Ausland wirkt Wunder - nichts löst Zungen so schön wie Abstand von der Heimat. Warum ist Wolfgang Gerhardt noch FDP-Parteichef? Parteifreund Kubicki zögert, schlägt die Hand vor die Augen, meint zu sich selbst: "warum eigentlich?", und sagt dann: "Das Volk liebt den Königsmord, aber hasst Königsmörder. Es findet sich niemand bereit." Der Empfang für den Parteichef beim gerade beendeten Parteitag in Nürnberg war freundlich. "So begrüßt man Ehrenvorsitzende", meint Kubicki. "Ein vierter Ehrenvorsitzender schadet auch nicht. Aber ein bisschen Zeit haben wir ja noch."

Ziel der FDP sei es, auf Sieg zu setzen, sagte Kubicki bei einem von der Friedrich-Naumann-Stiftung veranstalteten Vortrag am Freitagabend in Washington. Die Möllemannschen "18 Prozent" seien dafür das Symbol. "Den mentalen Wandel kann man daran ablesen, dass wir halb ernsthaft, halb scherzhaft diskutieren, ob es einen Kanzlerkandidaten der FDP geben soll." Womit wir beim Kernthema der innerparteilichen Strategiediskussion wären: Wann soll die Neuauflage der sozialliberalen Koalition à la Schmidt-Genscher kommen? Ein Bruch von Rot-Grün und ein rot-blaugelber Ersatz jetzt wäre "unattraktiv, falsch, tödlich", meint Kubicki. Die Liberalen brauchten die Grünen in der Regierung, um sie zu "vernichten".

Die Zaunpfahl-Winkerei von Möllemann und ihm, so Kubicki, in Richtung sozialliberal diene als "Katalysator für die Wählerwahrnehmung": Die neue Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der Partei werde so am deutlichsten unterstrichen. Praktisch bedeute dies zum jetzigen Zeitpunkt wenig: "Möllemann und ich wollen nicht in eine sozialliberale Koalition, Gott bewahre." Die wollten höchstens jene abgehalfterten Minister und Staatssekretäre, "die eine Gelegenheit zum Zugreifen sehen". Was nicht bedeuten solle, dass die SPD als Partner nicht in Betracht komme - wenn die "Operation 18 Prozent" gelungen ist. Nur mit der FDP, nicht mit den Grünen, könne der reformerische SPD-Flügel die Modernisierung und Öffnung Deutschlands betreiben.

Kubicki wagt sich auch an Prognosen für die kommenden Landtagswahlen. "Zweistellig" in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und "deutlich über neun Prozent in Hamburg". Die 18 Prozent seien dann die erste Etappe auf dem Weg, das volle Wählerpotential der FDP auszuschöpfen. Dieses liege bei "etwa 34 Prozent".

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