Politik : Der Machtkampf mit China verhindert Hilfe - statt zu kooperieren, streiten die Erzrivalen

Harald Maass

Auf den ersten Blick schien es ein Zeichen der Annäherung: Wenige Stunden nach dem verheerenden Erdbeben in Taiwan versprach Chinas Staatschef Jiang Zemin überraschend, den Erzrivalen in Taipeh Hilfe zu schicken. Angekommen ist bisher nichts. Auch in der Katastrophe verhindern Misstrauen und Streit eine Annäherung der beiden Feinde.

Die Deutschen schickten Suchhunde, die Japaner Geld, die Amerikaner und Türken Rettungsspezialisten. Aus der ganzen Welt ist nach dem Erdbeben, das bislang mehr als 2100 Menschen getötet und 100 000 obdachlos gemacht hat, Unterstützung nach Taiwan gekommen. Nur ein Hilfsangebot hing bisher in der Luft. Als am Dienstag erste Nachrichten von der Katastrophe bekannt wurde, kündigten Pekings Kommunisten an, umgehend 100 000 US-Dollar in bar sowie ein Rettungsteam mit Hilfsgütern im Wert von 60 000 Dollar zu schicken.

Das Angebot kam überraschend. Bis vor kurzem hatten Pekings Kommunisten, die Taiwan als eine abtrünnige Provinz Chinas sehen, mit Krieg gedroht. Die Volksbefreiungsarmee übte die gewaltsame Übernahme der Insel. Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin schimpfte Taiwans Präsident Lee Teng-hui einen "Verräter". Der Grund für den Zorn: Lee hatte im Juli in einer "Zwei-Staaten-Theorie" praktisch die Unabhängigkeit Taiwans gefordert. Pekings Führer, die auf eine baldige Wiedervereinigung hoffen, liefen die Wände hoch.

Die Hoffnung, dass die Katastrophe die beiden Rivalen etwas näher bringt, erwies sich bald als falsch. Ein Hilfsangebot der UN, die Taiwanesen mit einer großangelegten Hilfskampagne zu unterstützen, scheitert bislang an Chinas Veto. "Die UN haben am Dienstag eine Anfrage an Peking gerichtet, und bisher keine Antwort erhalten", sagte ein UN-Delegierter am Mittwoch. Die Menschen in Taiwan müssen warten. Ohne die Zustimmung Pekings, das seit 1971 auch Taiwan bei den UN vertritt, sind der Weltorganisation die Hände gebunden.

Statt um Hilfe geht es um Macht und Diplomatie. Als Jiang Zemin am Dienstag den Opfern Geld und Ausrüstung anbot, verpackte er sein Geschenk in Propaganda. Die Menschen in Taiwan seien "unser Fleisch und Blut", sagte Jiang. Der Sprecher des Pekinger Außenministeriums dankte der Welt für ihre Unterstützung "im Gebiet Taiwan". Die unmissverständliche Botschaft: Taiwan ist kein eigenes Land, sondern ein Teil Chinas.

Doch auch in Taiwan wollte man nicht über den alten Schatten springen. Die Guomindang-Regierung, die seit 1949 die Insel faktisch als unabhängiges Land regiert, zierte sich lange, Pekings Angebot anzunehmen. Während die Hilfsmannschaften aus anderen Ländern innerhalb von Stunden nach Taiwan aufbrachen, verzögerte Taipeh die Anreise des Pekinger Ärzteteams. Man müsse darauf achten, dass es "keine überflüssige Kapazitäten" gebe, hieß es plötzlich.

Mittlerweile ist nun klar, das aus der chinesisch-taiwanesischen Zusammenarbeit nichts wird. Am Donnerstag schickte Taipeh eine offiziell Antwort nach Peking: Das Geld dürfe China schicken. Zu dem angeboteten Rettungsteam schrieb Taipeh, dass man vielleicht "in der Zukunft auf darauf zurückgreifen werde". Das ist höfliche chinesische Art, heißt aber: "Wir wollen Eure Hilfe nicht."

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