• Der Machtkampf zwischen den russischen Generälen ist anscheinend entschieden: Die harte Linie hat sich durchgesetzt

Politik : Der Machtkampf zwischen den russischen Generälen ist anscheinend entschieden: Die harte Linie hat sich durchgesetzt

Elke Windisch

Über 140 Menschen sind bei russischen Angriffen auf den zentralen Markt der tschetschenischen Hauptstadt Grosny am Donnerstagabend ums Leben gekommen. Mindestens weitere 400 wurden verletzt. Tschetschenische Quellen behaupten, neben dem Basar seien auch die Residenz von Präsident Maschadow, ein Wohngebiet sowie ein Entbindungsheim mit insgesamt zehn Boden-Boden-Raketen der Klasse Scud angegriffen worden. Tschetschenische Sicherheitsbeamte vermuteten, dass sie wahrscheinlich von Küstenbatterien der russischen Kaspiflotte abgeschossen wurden.

Über das Drama berichtete zuerst nur der Tschetschenienkorrespondent vom russischen Dienst des US-Auslandssenders Radio Liberty. Einheimische Medien nahmen die Geschehnisse erst gestern Morgen zur Kenntnis. Möglicherweise, weil im Pressezentrum des Verteidigungsministeriums sämtliche Telefone auf Anrufbeantworter geschaltet waren. Gestern Morgen wurde der Angriff zunächst dementiert. Die russischen Truppen, so hieß es in einer ersten Pressemitteilung, stünden 15 Kilometer vor Grosny und hätten am Donnerstag keine aktiven Kampfhandlungen geführt. Gegen Mittag erklärte der Pressesprecher des nordkaukasischen Militärbezirks jedoch, Spezialeinheiten hätten in der Tat am Abend eine "nichtmilitärische Sondermaßnahme" durchgeführt, in deren Ergebnis ein illegaler Waffenmarkt vernichtet worden sei. Auf die Frage nach Opfern unter der Zivilbevölkerung antwortete der Sprecher vor laufender Kamera, unter der Bevölkerung hätte es keine Toten gegeben, da "friedliche Bürger abends zu Hause sitzen".

Die Ereignisse in Grosny machen deutlich, wer im Richtungsstreit über das Vorgehen in Tschetschenien den Sieg davongetragen hat. Seit Beginn der Kampfhandlungen Ende September hatten zwei Strategien, die sich im Grunde gegenseitig ausschließen, die Armee und zunehmend auch die politische Führung in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Gemäßigte Pragmatiker, wie General Gennadij Troschew, dem die Ostfront untersteht, plädierten dafür, Tschetschenien mit einem Cordon sanitaire zu umgeben, um islamischen Extremisten die Nachschubwege abzuschneiden. Gleichzeitig sollte der bedingt loyale Norden am linken Terek-Ufer mit starken russischen Volksgruppen wieder der Zentralmacht in Moskau unterstellt werden. Wortführer der Falkenfraktion, die auf Krieg bis zum Sieg in ganz Tschetschenien und schnellen Vormarsch Richtung Grosny setzt, ist Wladimir Schamanow, der die Westgruppe befehligt und schon beim ersten Feldzug 1994 durch Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung und Willkür aufgefallen war.

Beobachter sind sich seit langem einig, dass nur ein politisches Machtwort den Richtungsstreit der Generäle beenden kann. Dieses fiel offenbar am Mittwoch auf einer Beratung mit den Spitzen von Verteidigungs- und Innenministerium sowie den Chefs der Geheimdienste, die Boris Jelzin trotz Krankheit anberaumt hatte. Eigenartigerweise in Abwesenheit von Regierungschef Wladimir Putin, den Jelzin sich zum Nachfolger wünscht. Putin war zu einem Blitzbesuch an der Front, wo er Besonnenheit forderte und "frontale Attacken", wie eine Wiederholung des Sturms von Grosny, bei dem in der Neujahrsnacht 95 über zehntausend russische Soldaten fielen, ausdrücklich ausschloss. Weniger, weil den Ex-KGB-Mann moralische Skrupel plagen. Putin, der gegenwärtig in der Wählergunst gleichauf mit dem bisherigen Platzhirsch, Ex-Regierungschef Jewgenij Primakow, liegt, weiß, dass die Stimmung der Massen umschlägt, sobald Verluste in den eigenen Reihen zur kritischen Masse werden.

Jelzin aber will das Tschetschenienproblem, das der Kreml nach wie vor als "Antiterror-Operation" und damit als innere Angelegenheit Russlands verkauft, möglichst bis Mitte November von Tisch haben, um bei dem OSZE-Gipfel in Istanbul nicht am Pranger zu stehen. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, lautet daher die Parole. Das beweist nicht zuletzt eine harte Regierungserklärung. Dort heißt es, Moskau werde "mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die Rechtsordnung in Tschetschenien wieder herstellen".

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben